Krieg kennt keine Sieger

Mitten im Krieg versucht eine junge Witwe, mit ihren beiden Söhnen ein normales Leben zu führen. Doch die Wirren haben Spuren hinterlassen, die Kinder sind traumatisiert. Der Jüngere hat seine Stimme verloren. Der Ältere schwänzt die Schule und steckt seine ganze Energie in den Erwerb eines Velos.

Bruno Angeli, Autor (info@bruno-angeli.ch)
Film, 24.03.2015

«My Beautiful Country» spielt im Jahre 1999 während des Kosovo-Krieges. Ort des Geschehens ist ein Grenzort zwischen Serbien und Albanien. Der Fluss Ibar trennt die kleine Stadt in einen albanischen und einen serbischen Teil. Im serbischen Teil wohnt die junge Mutter Danica mit ihren beiden Buben Vlado und Danilo. Vor einem Jahr hat der Krieg den Kindern ihren Vater genommen und Danica zur Witwe gemacht. Seither spricht Danilo kein Wort mehr, und Vlado schwänzt die Schule. Das Letzte, was ihm der Vater versprochen hat, ist ein neues Velo. Doch weil der Vater dieses Versprechen nicht mehr einlösen kann, kümmert sich Vlado selber darum. Mit dem Fang von Fischen, die er dem Kioskbesitzer verkauft, verdient er Geld. Wenn er genug zusammen hat, will er sich sein Wunschvelo beim örtlichen Fahrradhändler kaufen. Das Leben der serbischen Familie verkompliziert sich, als mit Ramiz plötzlich ein schwerverletzter albanischer UCK-Soldat im Haus auftaucht. Danica muss sich entscheiden, ob sie den Mann pflegen oder der serbischen Miliz ausliefern soll. Trotz der Gefahr entscheidet sie sich für Letzteres. Langsam entwickeln Danica und Ramiz Gefühle füreinander. Doch die zarte Romanze ist nicht von Dauer. Eine Nachbarin verrät das Paar an serbische Soldaten, und Ramiz muss auf die albanische Seite der Stadt fliehen. Der Völkerhass hat einmal mehr Überhand genommen.

Hinterlassenschaften des Krieges
Parallel zur Liebesgesichte rollt «My Beautiful Country» einen weiteren tragischen Aspekt dieses Kriegs auf: Die Nato setzt Uran-Munition ein. Im Film kommen Kinder, die auf einem Wrack eines durch Nato-Flugzeuge zerstörten Militärfahrzeugs spielen, in Kontakt mit dieser radioaktiv verstrahlten Munition. Ein Mädchen wird von ihrer Mutter über die Brücke ins albanische Spital gebracht. Danilo läuft ihnen nach und ist nicht mehr auffindbar. Seine Familie macht sich Sorger, wo mag der Junge nur stecken? Vlado organisiert Steckbriefe, die sogar den Weg über die Brücke nach Albanien finden. Mit Ramiz’ Hilfe findet der kleine Junge schliesslich wieder nach Hause. Turbulent wird es auch für Vlado. Er stiehlt die Taschenuhr sowie Geld des Kioskbesitzers. Die Freude über das schnelle Geld weicht jedoch rasch der Reue, und so beichtet Vlado seine Missetat dem Kioskbesitzer und gibt ihm die Taschenuhr zurück. Statt mit Schimpf und Schande revanchiert sich dieser mit einem Geschenk.
Erzählte Schicksale
Für die Regisseurin Michaela Kezele ist «My Beautiful Country» der erste Langspielfilm. Sie habe mit dem Werk dem Krieg ein Gesicht geben wollen. Das Gesicht der vielen Männer, Frauen und Kinder, die sich, ohne es zu wollen, von heute auf morgen inmitten einer solchen Extremsituation befinden. «Wenn wir im Fernsehen dabei zuschauen, sind wir abgestumpft. Was sagen uns schon zehn, hundert oder tausend Tote? Das sind abstrakte Zahlen, die uns erst dann berühren, wenn wir sie mit Schicksalen, mit dem echten Leben in Verbindung bringen. Einige dieser Einzelschicksale erzählt mein Film», sagt Kezele.
«My Beautiful Country» feierte die Ur- und Erstaufführung auf dem Münchner Filmfest 2012. Der Film erhielt diverse Auszeichnungen, unter anderem 2012 am französischen Arras Film Festival ,und an den Biberacher Filmfestspielen den Preis als bester Debütfilm. 2013 am Favourites Film Festival Berlin bekam der Streifen die Auszeichnung «Bester Film» und den Publikumspreis. Die Regisseurin Michaela Kezele erhielt zudem 2012 den Bernhard-Wicki-Filmpreis und  wurde ein Jahr darauf mit dem Bayrischen Filmpreis als beste Nachwuchs­regisseurin ausgezeichnet.


Der Film

My Beautiful Country
Deutschland 2011

Regie: Michaela Kezele
Drehbuch: Michaela Kezele
Schnitt: André Bendocchi-Alves
Kamera: Felix Novo De Oliveira
Musik: Gerd Baumann und Gregor Hübner
Die DVD Gabriela Sperl

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