Karl Drais legt am 12. Juni 1817 auf seiner Laufmaschine und holprigem Kopfsteinpflaster in einer Stunde 14 Kilometer zurück. Er läuft und rollt also etwa gleich lang, wie ein Pferd für dieselbe Strecke bräuchte, doch die meisten Pferde sind im Sommer 1817 wegen der Hungersnot schon verspeist und also Mangelware.
Was kommt heraus, wenn wir Drais’ Leistung mit derjenigen von Marathonläufern vergleichen? Der Amerikaner John Hayes braucht 1908 in London für die 42 Kilometer 2 Stunden 55 Minuten, was etwa den gleichen Schnitt wie bei Drais’ Fahrt ergibt. Der Kenyaner Dennis Kimetto rennt den Berliner Marathon 2014 in 2 Stunden 3 Minuten, und da resultiert ein Schnitt von rund 20 km/h.
Das schmälert den revolutionären Charakter von Drais’ Unternehmen aber keineswegs, denn erstens liegen zwischen den erwähnten Ereignissen ein bis zwei Jahrhunderte, und zweitens vergleichen wir den eher unsportlichen Karl Drais, der über Pavés holpert, mit rasenden Spitzenathleten auf der topfebenen Strasse.
STOFFWECHSEL, ABER UMGESETZT
Nach dem 50-jährigen Dornröschenschlaf der Draisine geht die Entwicklung über Velociped (1869) und Hochrad (1885) weiter zum Niederrad (1888) mit zwei gleich grossen Rädern, womit das klassische moderne Fahrrad, wie es in den folgenden Jahrzehnten gebaut wird, erfunden wäre. Mehr noch: Das Velociped bringt die erste Revolution, das Kugellager, das Niederrad die zweite, den Kettenantrieb.
Die Folgen fasst Ivan Illich* so zusammen: «Auf dem Fahrrad kann der Mensch sich drei- bis viermal schneller fortbewegen als der Fussgänger, doch er verbraucht dabei fünfmal weniger Energie. Auf flacher Strasse bewegt er ein Kilogramm seines Gewichts einen Kilometer weit unter Verausgabung von nur 0,15 Kalorien. Das Fahrrad ist der perfekte Apparat, der die metabolische Energie des Menschen befähigt, den Bewegungswiderstand zu überwinden. Mit diesem Gerät ausgestattet, übertrifft der Mensch nicht nur die Leistung aller Maschinen, sondern auch die aller Tiere.»
Die zahlreichen positiven Folgen des Velofahrens sind allen klar. Doch das Pedalieren ist eine ziemlich anstrengende Sache, und es liegt in des Menschen Natur, dass er sich nach bequemeren Varianten umschaut. Benzin und Diesel ermöglichen die unmetabolische, also stoffwechselarme Fahrt nicht nur in Autos, sondern auch auf den zwei Rädern von Motorrädern und Mopeds. Damit aber unterwirft sich der Mensch, so Illich, dem globalen, gigantischen, mafiösen Geschäft mit Erdöl und Motorfahrzeugen, macht sich also zum Sklaven der «Industrialisierung des Verkehrs».
ENERGIE, ABER POLITISCH KORREKT
Am fernen Horizont zeichnet sich die Endzeit des Verbrennungsmotors ab. Ein untrügliches Zeichen dafür setzt China, dessen Regierung eine drastische Umlagerung von Benzin- und Dieselfahrzeugen auf Elektroautos in Angriff genommen hat. Der Glanz des einst stolzen Statussymbols Auto ist wohl am Verblassen.
Nun aber läuft Illichs Industrialisierung des Verkehrs nicht mehr unter der Ägide des Erdölgeschäfts, sondern ist mehr und mehr abhängig von der Elektrizitätsindustrie. Also könnte man mit Blick auf Kohle- und Atomkraftwerke sagen, unsere Zivilisation ersetze bloss die Dreckschleuder A durch die Dreckschleuder B. Dieser Einwand wiederum lässt sich entkräften mit dem Hinweis auf den elektrischen Strom, der mit Wasserkraft, immer mehr auch von Windrädern und Solarzellen, also umweltschonender produziert wird.
Seit ein paar Jahren gibt es bei uns die Elektrovelos. Die Mode scheint unaufhaltsam, wächst an zu einem kapitalen Phänomen in der Verkehrsgeschichte der Gegenwart und der Zukunft. Menschen, die sonst nicht Velo fahren würden, steigen jetzt aufs elektrisch wimmernde Zweirad, beleben auf der Fahrt wenigstens ein bisschen ihren Stoffwechsel, und das ist schon besser, als untätig im Auto-Sofa zu lümmeln.
Etwas fällt auf: Die Gümmeler und die Mountainbikefahrerinnen sind Gemeinschaften in derselben Sache, man zeigt Sympathie, man grüsst sich. Das Elektrovelo hingegen scheint noch keine bindende Identität, noch kein Gruppengefühl zu stiften. Was wird der wirtschaftliche Erfolg im kulturellen Leben der Velogesellschaft nach sich ziehen? Man darf gespannt sein.
* Ivan Illich: «Die sogenannte Energiekrise oder Die Lähmung der Gesellschaft», Rowohlt, Reinbek 1977.
Illustration: Marc Locatelli
Dres Balmer
28.04.2017







