Jeder Tote ist einer zuviel

Für Velofahrerinnen und Autofahrer gilt: Üben, üben, üben. Nur so lässt sich die Gefahr im Strassenverkehr senken.

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Nicole Soland
24.03.2015

Eddie Kessler hat es im Regionalteil Thurgau des Velojournals 1/15 beschrieben: Ein älterer Velofahrer wird von einem ihm entgegenkommenden Auto, das ein anderes Auto unvorsichtig überholt hat, überfahren und getötet. Der Unfall wird in der Zeitung kurz vermeldet. Etwas später wird eine 15-jährige Schülerin auf genau dieselbe Art getötet. Und was passiert? Für ihre Schulgspänli wird postwendend die Helm- und Leuchtwestenpflicht eingeführt. Nur für die AutofahrerInnen bleibt alles beim alten: kein Überholverbot, keine Geschwindigkeitsreduktion, nichts.
Jede getötete Velofahrerin, jeder getötete Velofahrer ist eine(r) zu viel; darüber ist man sich einig. Aber warum geht nach einem solchen Unfall die Aufforderung, etwas zu ändern, ausschliesslich an die VelofahrerInnen? Und wenn es heisst, sie müssten sich halt besser schützen: Wovor denn genau – wo uns doch jene Zeitungsmeldungen ebenso vertraut sind, in denen es heisst, «obwohl der Velofahrer einen Helm trug, zog er sich schwere Kopfverletzungen zu»?
Es erinnert mich an den Umgang mit der Lawinengefahr: Skitourengruppen wird dringend empfohlen, alle Teilnehmenden mit einem Barryvox-Gerät auszurüsten, ihnen Lawinensuchstangen und Schaufeln mitzugeben und sie an das richtige Verhalten im Ernstfall zu erinnern: Man weiss ja nie. Nur: Seit wann ist das Auto eine Naturgefahr à la Lawine? Seit wann steuern die Autos sich selbst?
Tipps wie «Leuchtweste tragen» kommen häufig von Menschen, die die Verkehrswelt durch die Frontscheibe wahrnehmen. Sie sehen nur, dass die Velofahrer keine Knautschzone haben, und schliessen daraus, dass sie dringend aufrüsten müssten. Nichts gegen Helm (trage selber einen) und Leuchtweste: Doch warum empfehlen sie, wenn schon, nicht zusätzlichen Velo- beziehungsweise Autofahrunterrricht?
Mein Autofahrlehrer erklärte mir seinerzeit, sichere FahrerInnen zeichneten sich dadurch aus, dass sie die Fehler der andern rechtzeitig erkennen und ausbügeln können. Das beherzige ich auch auf dem Velo, und ich fahre gut damit. Trotzdem würde ich mir nie vorgaukeln, völlig vor Unfällen gefeit zu sein – eben wurde ich mal wieder mit einem Abstand von gefühlten zehn Zentimetern überholt. Und umgekehrt bin ich erleichtert, wenn ich selbst unaufmerksam war und es ohne böse Folgen bleibt, weil der Autofahrer aufgepasst hat. Dennoch: Die Routine, die man mit dem täglichen Fahren erlangt, ist Gold wert. Für Velo- wie AutofahrerInnen gilt deshalb: Üben, üben, üben. Nicht, weil dann sicher nie mehr ein Unfall passiert – aber die Gefahr nimmt markant ab.
Den Velofahrerinnen lediglich Leucht­westen zu empfehlen ist hingegen etwa so, als würde man ihnen sagen: «Ihr seid eh nur Hindernisse auf meiner Strasse, also macht euch wenigstens gut sichtbar.» Das kann man natürlich so sehen. Aber das heisst noch lange nicht, dass es bis in alle Ewigkeit tabu sein muss, nach Unfällen öffentlich danach fragen zu dürfen, ob allenfalls auch beim Verhalten der Autofahrer Änderungspotenzial vorhanden wäre.

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