Im Zug nach nirgendwo

Die neuen Schnellzüge bringen mehr Komfort und schnellere Verbindungen. Dadurch ist der inter­nationale Velotransport aber nicht wirklich einfacher geworden. Ein Bericht aus der schönen, neuen und ach so komplizierten Bahnwelt.

Pete Mijnssen, Chefredaktor (pete.mijnssen@velojournal.ch)
Schwerpunkt, 29.01.2010

Das Gute vorweg: Im neuen, schnittigen Cisalpino gibt es vier Stellplätze für Velos. Ein grosser Fortschritt gegenüber dem alten, pannenanfälligen und velofeindlichen Zug. Damit finden Veloreisende von Basel, Bern und Genf aus auf der Reise nach Mailand wieder täglich Platz für ihre Räder. Wenn auch nicht in Massen und nur mit Reservation. Reisende von Zürich aus müssen wie bis anhin mit dem ICN nach Lugano fahren und dort mit Regionalzügen nach Mailand weitertuckern, wo sie je nach Destination ihre Velos auf Regionalzüge ein- oder umladen müssen.

Schlechter sieht es bei den Verbindungen nach Österreich aus: Der neue «Railjet» transportiert gar keine Velos mehr. Die österreichischen Fahrradorganisationen Argus und die Radlobby haben dies als eine massive Verschlechterung kritisiert und vor den negativen Auswirkungen auf die ökologisch sinnvolle Kombination Bahn-Rad gewarnt. Immerhin hat die Bahnbetreiberin ÖBB inzwischen ein halboffenes Ohr für die Anliegen gezeigt und bietet mit dem «Wiener Walzer» einen Nachtzug nach Salzburg und Wien mit Velotransport an. Während der Sommermonate sollen immerhin in einer Eurocity-Verbindung wieder Velos transportiert werden können.

Obligatorischer Fahrradtransport gestoppt

In Deutschland weigert sich die DB weiterhin, auf den ICE-Verbindungen Gepäckstücke zu transportieren, die nach Velo aussehen. Auch nach dem Abgang des Hardliner-Managers Hartmut Mehdorn im vergangenen April hat sich die Situation nicht verbessert. Dabei sah es zuerst nach einem Silberstreifen am Horizont aus: Das europäische Parlament verabschiedete letztes Jahr ein Gesetz, wonach alle Bahngesellschaften verpflichtet sind, länderübergreifend für einen Fahrradtransport in ihren Zügen zu sorgen. Der innovative Gesetzesentwurf wurde aber in der Zwischenzeit unter tatkräftiger Mithilfe der DB und des Deutschen Bundesverkehrministeriums so amputiert und torpediert, dass aus einem griffigen Instrument für eine europäische Vereinheitlichung des Velotransports eine stumpfe Waffe wurde. Horst Hahn Klöckner vom Allgemeinen Deutschen Fahrradbund (ADFC) kommentiert: «Die Leidtragenden sind die Tourismusregionen, die Urlauber und das Klima.»

Zielgruppenspezifische Angebote funktionieren

Dass die Kombination Fahrradmitnahme im separaten Gepäckwagen keine Idee aus der Mottenkis­te ist, zeigt die DB-Tochter CityNightLine (CNL) seit Jahren. Die Verbindungen nach Deutschland, Holland und Skandinavien laufen trotz der Billigkonkurrenz durch die Fluggesellschaften gut bis sehr gut. Zwar ist das Geschäft saisonabhängig, doch ist zum Beispiel die Strecke Zürich–Berlin ganzjährig gut gebucht. «Wir haben viele Kunden, die nur mit uns fahren wollen», sagt die Marketingverantwortliche von CNL, Angela Lutijn. Mit einem ausgeklügelten Netz und einer Kombination von Zügen mit gemeinsamem Start- und Zielort können die Kosten relativ tief gehalten werden. So wird die beliebte Zugverbindung von Zürich nach Hamburg und Amsterdam in Fulda mit einer Komposition gekoppelt, die von München her kommt, was Kosten spart. Lutijn sieht allerdings keine Möglichkeiten, dieses System in Italien anzuwenden. So werden die vergossenen Tränen über den Verlust des Nachtzugs nach Rom wohl ohne Folgen bleiben, auch wenn CNL «den Markt weiterhin genau beobachtet».

Der internationale Velotransport bleibt also unter den gegebenen Umständen kompliziert und aufwendig. Die Ökologie wird trotz anderslautenden Beteuerungen ökonomischen Vorstellungen geopfert. Oder wie es Horst Hahn Klöckner sagt: «Wir müssen unseren Mitgliedern zähneknirschend empfehlen, statt mit der Bahn mit dem Auto in den Fahrradurlaub zu fahren. Oder mit dem Flugzeug, dessen Markt dank subventioniertem Flugbenzin blüht.»

 

www.sbb.ch
www.citynightline.ch
www.deutschebahn.de

Die besten Züge mit Veloselbstverlad für ganz Europa findet man auf der Website der Deutschen Bahn. Rubrik «Fahrradmitnahme», dort Abfahrts- und Zielort eingeben und auf «Verbindung suchen» drücken.

 


Internationaler Fahrradtransport

  • Für den Veloselbstverlad über die Grenzen benötigt man eine internationale Fahrradfahrkarte. Sie ist erhältlich für Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien (Regionalverkehr), Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Polen, die Slowakei, Tschechien und Ungarn.
  • Die SBB garantieren nicht, dass Velotragtaschen auch in ausländischen Zügen zugelassen sind.
  • In allen Nachtzügen sowie auf Zügen in Schweden und Norwegen sind Velotragtaschen nicht erlaubt.
  • Im TGV in Frankreich darf Ihre Velotragtasche höchs­tens 90 x 120 cm gross sein.
  • Im Pau-Casals-Zug von Zürich nach Barcelona ist der Velotransport in der Tragtasche nur bei der Buchung eines ganzen Abteils erlaubt.
  • CityNightLine erlaubt den Velotransport in der Tragtasche nur auf Anfrage. Zudem benötigen Sie dafür eine internationale Fahrradkarte.

So funktioniert es in der Schweiz


1. Das verpackte Velo unter dem Sitz, darüber, oder im Einsteigebereich transportieren.

2. Die Velotragetasche muss gut deponiert sein, darf nicht umkippen,keine anderen Fahrgäste behindern, keine Schiebetüren blockieren undkeine Unfallgefahr darstellen.

3. Die mit einemVelo-Piktogramm markierten Plattformen sind für denkostenpflichtigen Veloselbstverlad reserviert und dürfen nicht durch Velotragetaschen belegt werden.

4. Wer mit einer Tragetasche einen Sitzplatz belegen möchte, muss dafür zusätzlich ein halbes Billett lösen.

5. Wie für übriges Handgepäck auch, haftet die Transportgesellschaft nicht für das Velo.
 

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