Im Tal fliesst die Rhone, links und rechts ragen Berge steil zum Himmel empor. Mit dem Zug von Zürich herkommend, erblickt man kurz vor Sion zahlreiche Weinberge und erkennt, weshalb diese Region als Sonnenstube der Schweiz bezeichnet wird. «Die Gegend zwischen Martigny, Sion und Sierre ist ideal zum Fahrradfahren», sagt Yves Degoumois, der mich am Bahnhof Sion empfängt. «Im Tal ist es flach, die Distanzen in den Ortschaften sind kurz, und das Wetter ist mehrheitlich trocken», ergänzt der Präsident von Pro Velo Valais. Dies sind Voraussetzungen, die die Arbeit der Walliser Fahrradförderer vereinfachen, sollte man meinen. Im Gespräch mit Degoumois zeigt sich aber, dass dies ein Irrtum ist: Das Auto hat im Kanton einen hohen Stellenwert, und die Politik ist nach wie vor christlich-konservativ geprägt. Um im Westen der Schweiz Neues voranzutreiben, braucht man einen langen Atem.
Kleine Erfolge trotz Hindernissen
Dies bekam der Regionalverband Pro Velo Sierre zu spüren, der 2007 mit viel Elan gegründet wurde (siehe «Pioniere im Wilden Westen der Schweiz», vj 5/2007). Trotz hohem Engagement ist es nicht gelungen, die gesteckten Ziele zu erreichen. «Die Mitgliederzahlen stagnierten auf tiefem Niveau», sagt Degoumois. Deshalb beschloss man 2009, mit Sion zur einheitlichen Pro Velo Valais zu fusionieren.
Heute, drei Jahre später, harzt es noch immer in Sierre. Ein geplantes Agglomerations-Programm wurde gestoppt, da der politische Wille zur Umsetzung fehle, erklärt Degoumois. Aber man habe auch nicht die personellen Möglichkeiten, sich überall gleich stark zu engagieren, fügt der Pro-Velo-Valais-Präsident an. Der Fokus liege auf Sion, wo sich in den vergangenen zehn Jahren einiges getan habe.
Der Grundstein dazu wurde im Jahr 2001 gelegt, als unter dem Namen «VéloCité» die ersten Anläufe zur Fahrradförderung unternommen wurden. Mit dem Ziel, die verkehrstechnische Situation im Ort zu verbessern, erarbeitete man ein detailliertes Inventar aller für VelofahrerInnen problematischen Punkte. Die Mühlen der Stadtverwaltung mahlen indes langsam, und die Resultate sind mitunter ernüchternd.
«Von allen unseren Hinweisen wurde nur ein einziger berücksichtigt», sagt Yves Degoumois: Aufgrund der Bemühungen von Pro Velo wurde eine Tempo-20-Zone eingeführt, welche die Schulen mit der Altstadt verbindet.
Ab 2009 brachte jedoch der neue FDP-Stadtpräsident Marcel Maurer frischen Wind in die Fahrradförderung. So wurde die Stelle des städtischen Mobilitätsdelegierten geschaffen, der mit Pro Velo zusammenarbeitet. Aus dieser Zusammenarbeit resultierten 2011 etwa gedeckte Veloabstellplätze am Bahnhof Sion. Zuvor habe rund um den Bahnhof ein Wirrwarr von kreuz und quer abgestellten Fahrrädern geherrscht. Doch auch für die Lösung dieses Problems benötigte es einiges an Schnauf: Die Initianten mussten sich insgesamt während fünf Jahren wiederholt für die Abstellplätze einsetzen.
Velofreundliche Begegnungszone
Dennoch habe sich in den letzten zwei, drei Jahren vieles verbessert, ist Yves Degoumois überzeugt. Im Zentrum von Sion zeigt er eine neue Begegnungszone. Auch wenn hier eigentliche Radwege fehlten, sei das Gebiet dank Tempo 20 deutlich velofreundlicher geworden. Für die Walliser Fahrradförderer die vernünftigste Lösung, von der nicht nur die Radfahrenden, sondern auch die Fussgänger profitieren.
Auf Initiative von Pro Velo Valais wurde zudem das Fahrradfahren in der Fussgängerzone durch die Altstadt erlaubt. Im Zickzack durch Begegnungs- und Tempo-30-Zonen zu fahren, entfällt somit. Hingegen wird am Rand der Begegnungszone ein nicht gelöstes Problem sichtbar: Der rege motorisierte Verkehr hat sich zwar verlangsamt, ist aber kaum zurückgegangen. Ein Punkt, den auch Degoumois anspricht. Es gäbe zu viele Parkplätze in der Stadt, ist er überzeugt.
Dabei denkt der Pro-Velo-Präsident weniger an Parkmöglichkeiten an der Strasse. Denn diese sind mit der Umzonung zurückgegangen. Degoumois meint die zahlreichen Parkhäuser im Stadtzentrum, welche die Autofahrer auch für kurze Fahrten anlockten. Pro Velo Valais plädiert daher dafür, Parkplätze an die Peripherie zu verlegen. Eine Forderung, deren Umsetzung wohl noch einige Jahre in Anspruch nehmen wird.
Ein anderes Projekt, das in den Startlöchern steckt, wird dem Velo in Sions Strassenbild mehr Präsenz verleihen: Christophe Genolet und Marc Lançon, zwei Vorstandsmitglieder von Pro Velo Valais, starten in diesem Jahr einen Velokurierdienst. Und wer weiss, vielleicht werden die Kuriere die eine oder andere Person ebenfalls dazu motivieren, auf den Velosattel umzusteigen.







