Während in den wärmeren Monaten des Jahres die Zahl der Velofahrenden auf Zürichs Strassen ansteigt, trauen sich andere in der Stadt nicht, selbst in die Pedale zu treten. Einer der Gründe ist der angstmachende motorisierte Verkehr, ein anderer der gut ausgebaute öffentliche Verkehr. In Zürich ist kaum eine Haustüre mehr als 200 Meter von einer Bus- oder Tramstation entfernt. Allerdings platzt der öffentliche Verkehr zu Stosszeiten auch aus allen Nähten. Würden mehr Personen Velo fahren, könnte dies den öV entlasten.
«In der Zusammenarbeit mit Stadt und Kanton gibt es deutliche Unterschiede», sagt Monika Hungerbühler, Leiterin des Bereichs Planung und Infrastruktur bei Pro Velo Zürich. «Insbesondere in der Art und Weise, wie wir in Infrastrukturprojekte – etwa bei der Neugestaltung von Strassen – miteinbezogen werden.» Dem Kanton stellt sie ein gutes Zeugnis aus: Die Velolobby werde jeweils schon in der Planungsphase eingebunden.
«Natürlich können wir nicht immer das Optimum erreichen», gibt sie zu bedenken. Doch kantonal sei die Fahrradförderung auf gutem Weg. Dazu trägt auch die vor rund eineinhalb Jahren geschaffene Koordinationsstelle Veloverkehr ihren Teil bei, ergänzt ihr Kollege, Geschäftsführer Dave Durner: «Im Gegensatz zu anderen Kantonen kann die Fachstelle sich auch wirklich um die Koordination kümmern», betont er. So verzettle sie sich nicht in Details. Auch würde das Expertenwissen von Pro Velo geschätzt. Aktuell führe man auf Mandatsbasis eine Befragung in den Zürcher Schulen durch. Ziel ist es, herauszufinden, welche Regelungen bezüglich Schulweg und Fahrrädern bestehen und wie viele Kinder radelnd zur Schule gelangen. «Diese Datengrundlagen sind wichtig, wenn man Velofahren auch bei den Kleinsten effizient fördern will.»
Im Prinzip ja ...
In der Limmatstadt gestaltet sich die Arbeit von Pro Velo steiniger. Dies trotz mehrerer Volksentscheide, die eines gezeigt haben: Zürichs Bevölkerung wünscht eine neue Verkehrspolitik. Das unterstreicht das Ja zur 2000-Watt-Gesellschaft ebenso wie die Annahme der Städte-Initiative. Auch die Wahl von Richard Wolff von der Alternativen Liste in den bereits zuvor rot-grün dominierten Stadtrat ist ein Signal. Wolff hatte sich im Wahlkampf als einziger Kandidat explizit für den Veloverkehr ausgesprochen und damit Punkte gesammelt.
Die Limmatstadt hat sich mit dem Masterplan Velo viel vorgenommen. «Eine fussgänger- und fahrradfreundliche Verkehrsplanung sollte in Zürich also eigentlich die Norm sein», sagt Monika Hungerbühler. «Doch davon sind wir weit entfernt.» Regelmässig würden bei Neugestaltungen die Velomassnahmen weggelassen. Jüngstes Beispiel ist die Bertastrasse. Dave Durner kritisiert das Projekt als ungenügend. Besonders stossend sei, dass die Bertastrasse im Masterplan als Komfortroute eingetragen ist. Darauf sollen auch ungeübte Radfahrende leicht und gefahrlos vorwärtskommen. Von einer geeigneten Umgestaltung sei im aktuellen Gestaltungsplan nichts zu sehen. Pro Velo will bei der Stadt intervenieren und auf die Einhaltung der im Masterplan vorgesehenen Massnahmen pochen. Die Lösung sei einfach, sagt Durner. «Parkplätze streichen, dann hat es Platz für Velos.»
... aber bei der Umsetzung haperts
Oft entstehe der Eindruck, dass in Verkehrsplanungen der Stadt zu viel vorauseilender Gehorsam einfliesst, kommentieren Dave Durner und Monika Hungerbühler. Mal befürchte man die Einsprache des Kantons, mal die der Verkehrsbetriebe und dann jene der SBB. Das führe so weit, dass auf heikle Punkte, wie etwa auf die Aufhebung von Parkplätzen zugunsten eines Radweges, schon in der Projektierung verzichtet werde, erklärt Monika Hungerbühler. Die Planungsexpertin bemängelt auch die fehlende Transparenz bei der Stadt. Für Laien seien die öffentlich publizierten Pläne nicht nachvollziehbar. Erläuterungen dazu, wie sie der Kanton biete, fehlten gänzlich.
Der Masterplan alleine macht aus Zürich noch keine Velostadt. Der Spardruck bei der Stadt ist hoch, und so wird über Infrastrukturkosten gestritten. Hier liegt auch ein Knackpunkt des Masterplans. Er enthält zwar vordefinierte Massnahmen wie etwa die Komfortrouten. Das zur Umsetzung nötige Budget muss jedoch von Fall zu Fall politisch abgesegnet werden. «Die von den jungen Grünen lancierte Veloinitiative könnte helfen, die Situation zu verbessern», sagt Dave Durner. Diese Initiative fordert, dass zur Verbesserung der Infrastruktur jährlich zehn Millionen Franken budgetiert werden müssen. Und das zwanzig Jahre lang. Geld, das auch den Masterplan weiterbringen kann. Durner sieht für die Initiative gute Chancen, auf eine Abstimmungsprognose möchte er sich aber nicht einlassen.
Unbestimmte Zukunft am HB
Ungewiss ist auch, wann die für Radfahrende unbefriedigende Situation rund um den Hauptbahnhof gelöst wird. Die sehr gut frequentierte Velostation Süd muss vorerst einer Baustelle weichen. Ein Provisorium ist auf der Postbrücke vorgesehen. Diese Abstellplätze werden aber weder gedeckt noch bewacht sein. Wer ein schönes Fahrrad besitzt, kommt in Bedrängnis. «Dann werden wohl einige künftig auf ihr Velo für die Fahrt zum Bahnhof verzichten», befürchtet Dave Durner.
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