Davide Rebellin ist mit 47 Jahren noch immer Radprofi. Wer diesen Beruf auch in «hohem» Alter noch ausübt, darf getrost als vom Radsportvirus infiziert bezeichnet werden. Rebellin ist einer der Protagonisten der Dokumentation «The Last Kilometer». Der Radprofi wurde in der Vergangenheit des Dopings überführt. Ein Makel, den er nach seiner Dopingsperre mit Leistung und Fleiss vergessen machen möchte. Nach wie vor will der 47-Jährige aber nur eines: Rennen gewinnen.
Der Übervater und der Sohn
Ein weiterer Hauptprotagonist ist Ignazio Moser, der zu Zeiten des Filmdrehs ein vielversprechendes Talent ist. Moser ist kein unbekannter Name – er ist der Sohn von Radsportstar Francesco Moser. Wer einen solchen Namen trägt, wird natürlich darauf angesprochen. Bei der Fahrervorstellung an Radrennen wird dieser Umstand jeweils erwähnt. Da bleiben auch die Sticheleien der Teamkollegen nicht aus. Er erwidert: «Die Rennen, die ich bisher gewonnen habe, gewann ich nicht, weil ich Moser heisse.» Beim Rennen Paris–Roubaix werden bei den Duschanlagen auf Schildern die Siegerfahrer des Klassikers verewigt. In einer Austragung der Nachwuchskategorie fährt auch Ignazio. Seine Platzierung um den 80. Rang herum ist kein Weltuntergang. Bloss: In einer Szene nähert sich Ignazio der Kamera. Im Vordergrund das Schild mit dem Eintrag: «Francesco Moser, Paris–Roubaix – 1978, 1979, 1980». Und der Zuschauer weiss: Ignazio wird im Radsport seinen Vater nie überflügeln können. 2014 gibt Moser junior schliesslich seinen Rücktritt vom aktiven Radsport.
Der Intellektuelle und der Fan
Der Journalist und Schriftsteller Gianni Mura gehört zu den arriviertesten und bekanntesten Radsportjournalisten Italiens. So berichtet er seit 1967 – zunächst für die «La Gazzetta dello Sport», später für die Zeitung«La Repubblica » – über die Tour de France. Seine Texte reichert der begnadete Schreiber jeweils mit persönlichen Anekdoten sowie kulinarischen und künstlerischen Reverenzen an. Mura kommt in der Dokumentation immer wieder zu Wort. Seine Aussensicht auf den Radsport und dessen Entwicklung ist eine Bereicherung für diesen ansonsten von ehemaligen und aktiven Rennfahrern dominierten Streifen. Mura kritisiert den Radsport von heute: «Bedenkt man, dass die Rennfahrer einen Empfänger im Ohr haben und von den Teamleitern aus ihren Begleitfahrzeugen heraus ferngesteuert werden, dann sage ich, dies ist das Ende des Abenteuers Radsport.» Und dann ist da noch der als Teufel verkleidetet Didi Senft, genannt «El Diablo». Er ist an grossen Rundfahrten und unzähligen Radrennen als Fan dabei. Seinen berühmten Dreizack schwingend, feuert er sowohl den erst- als auch den letztplatzierten Rennfahrer an. Ihn kennt die ganze Radsportwelt.
In einem Interview mit dem Onlineportal ciclismopassione.com wurde der Regisseur Paolo Casalis zur Wahl seiner vier Hauptprotagonisten befragt. Casalis: «Ich hatte keine lange Liste von Wunschkandidaten für meinen Film. Ich hatte das grosse Glück, dass die vier zusagten. Für mich repräsentiert jeder der vier Persönlichkeiten einen bestimmten Aspekt des Radsports.» Davide Rebellin ist einer der letzten Vertreter einer Generation, welcher der Regisseur als Jugendlicher gebannt vor dem Fernseher gefolgt ist. Dazu gehörte auch die Dopingaffäre in Peking im Jahr 2008. Dieser Aspekt hat im Film ebenfalls seinen Platz gefunden. Ignazio Moser steht laut dem Regisseur für die Hoffnung. Gianni Mura ist für den Filmemacher der Journalist, der besser als alle anderen die auf dem Asphalt abgespulten Velokilometer in Emotionen und Worte fassen kann. Und schliesslich «El Diablo»: Er steht für die Emotion, Passion und das Glück im Radsport. Oder anders gesagt: Er repräsentiert das Radsportpublikum. Also auch die Filmzuschauer.
L’Ultimo Chilometro / The Last Kilometer (Italien 2012)
Regie & Drehbuch: Paolo Casalis
Mitwirkende: Davide Rebellin, Ignazio Moser, Gianni Mura, «El Diablo» Didi Senft, Francesco Moser, Cadel Evans u.w.
Produktion: Stuffilm Creativeye
Musik: Mario Poletti
Kamera: Glenn Evans
Schnitt: Jeffrey Abelson
Sprache: Italienisch mit englischsprachiger Untertitelung
Bemerkungen: Online auf DVD oder Streaming erhältlich.







