Über 800 Meilen windet sich die Amgen Tour of California durch den bevölkerungsreichsten Staat der USA – vom Skiresort Lake Tahoe im hügeligen Norden hinunter nach Thousand Oaks. Die vierte Etappe von Livermore nach San Jose gilt als eine der schwersten. Sie ist zwar nur knapp 130 Kilometer lang, doch der Mount Hamilton und der steile Schlussaufstieg auf der Sierra Road haben es in sich.
Bereits am Bahnhof von San Jose bildet sich spontan eine kleine Gruppe, die gemeinsam den Weg zum Renngelände am Stadtrand auf sich nimmt. Zum vierten Mal dabei ist auch Pamela, eine Fotografin und passionierte Velofahrerin aus San Francisco. Die heutige Etappe ist für sie allerdings nur ein Trostpreis: Pamela hatte zusammen mit Freunden für den Tourstart extra eine Hütte in Lake Tahoe gemietet. Sie war sehr enttäuscht, als die Etappe wegen starken Schneefalls abgesagt wurde.
Grosse Pläne
Die Wetterkapriolen waren der Hauptgrund, weshalb die Tour letztes Jahr von Februar in den Mai verschoben wurde. Dass sie nun zeitgleich mit dem Giro d’Italia stattfindet, sorgte in der Branche für Aufregung. Die Medienpartnerschaft von Kalifornien-Tour-Promoter AEG und ASO, dem Vermarkter der Tour de France, warf die Frage auf, ob Kalifornien dem Giro direkt Konkurrenz machen sollte. In typisch amerikanischer Bescheidenheit machte Tour-of-California-Organisator Andrew Messick keinen Hehl daraus, dass neben wettertechnischen auch strategische Überlegungen hinter der Verschiebung der Tour standen: «Wir wollen ein Rennen für die Fahrer sein, die in der Tour de France vorne dabei sein wollen.»
Die Positionierung als einwöchiges Vorbereitungsrennen für die Tour de France schien sich 2010 auszuzahlen: Drei Fahrer aus den Top Ten waren in Kalifornien dabei, die mediale Aufmerksamkeit war gross. Die Tour wurde zum wichtigsten Velorennen in den USA und laut Organisatoren zum viertwichtigsten der Welt. Messick hoffte letztes Jahr, 2011 Topfahrer wie Alberto Contador nach Kalifornien zu holen.
Die grossen Stars blieben dieses Jahr der Tour jedoch fern – mit Ausnahme von Andy Schleck und amerikanischen Top-Fahrern wie Levi Leipheimer. Der Popularität des Rennens scheint dies in Kalifornien jedoch keinen Abbruch zu tun. Rund zwei Millionen ZuschauerInnen kamen zu den sieben Etappen. Auch an diesem Maitag säumen Tausende die Sierra Road.
Ausgelassenheit in den kalifornischen Alpen
Viele der Zuschauerinnen und Zuschauer haben ihr Fahrrad mitgebracht, und der velojournal-Reporter folgt ihnen auf seinem Faltrad die steile Sierra Road hoch. Ein Mann aus Minnesota rennt mit einem Elchgeweih nebenher, um die Skandinavier zu unterstützen, in einer Kurve steht eine ganze Gruppe Radler am Strassenrand, trinkt Champagner und geniesst die Aussicht: rundherum Kuhweiden und weit unten im Tal die Stadt. Oben auf dem Hügel hält ein Mann eine Schweizer Fahne: Robert hat fünf Jahre für Roche in der Schweiz gearbeitet. «Das Land wird immer in meinem Herzen bleiben, und ich will mit dieser Fahne den europäischen Fahrern Respekt zollen», erklärt er.
Fünfhundert Meter vor dem Ziel ist Schluss für die Gümmeler: Das Peloton kommt näher, die Strasse wird gesperrt. Die Zuschauer und Zuschauerinnen drängen sich hinter ein Absperrgitter, andere blicken von der Wiese auf die Sierra Road. Die vielen Smartphones bringen hier oben nichts, Internet-Anschluss gibt es keinen, weshalb die Informationen über den Rennverlauf sehr spärlich sind. Dann, plötzlich, geht Jubel durch die Menge: Chris Horner, der 39-Jährige aus Oregon, rast vorbei – über eine Minute vor dem Feld. Mit seiner wilden Fahrt legt er den Grundstein für seinen späteren Toursieg. Die Menge am Strassenrand ist begeistert.
Sponsorensorgen
Neben der Begeisterung begleiteten die Tour dieses Jahr aber auch viele Negativschlagzeilen. Fast gleichzeitig mit ihrem Beginn bezichtigte der ehemalige Radprofi Tyler Hamilton in der Sendung «60 Minutes» die US-Legende Lance Armstrong einmal mehr des Dopings. Vor einem Jahr kamen zum praktisch gleichen Zeitpunkt ähnliche Vorwürfe von Floyd Landis.
Für Amgen, den kalifornischen Medikamentenhersteller und Hauptsponsor der Tour, waren diese Anschuldigungen besonders unangenehm, weil eines der Blockbuster-Medikamente der Firma Epogen ist. Das Medikament wurde für Patienten mit Nierenversagen entwickelt, ist aber primär als Dopingmittel bekannt. Amgen inszenierte eine aufwendige Anti-Doping-Kampagne. Die wiederholten Skandale um das ehemalige Tour-Aushängeschild Armstrong aber beschädigten die Glaubwürdigkeit.
Eine weitere Hiobsbotschaft folgte unmittelbar nach Tourende: Der unermüdliche Promoter und Organisator der Tour, Andrew Messick, kündigte an, beim internationalen Triathlon-Verband eine neue berufliche Herausforderung zu suchen. Amgen liess daraufhin verlauten, man überprüfe die Verlängerung des 2011 auslaufenden Sponsoring-Vertrages. Mary Klem, die Pressesprecherin des Unternehmens, sagt dazu gegenüber velojournal, die Überprüfung erfolge jedes Jahr, und Amgen sei sehr zufrieden mit dem wachsenden Publikum, das die Firma durch ihr Sponsoring erreiche.
Neal Rogers, Redaktor der Zeitschrift «VeloNews», glaubt hingegen, dass diese Überprüfung keine blosse Formalität ist: «Ich halte es für recht wahrscheinlich, dass Amgen das Sponsoring der Tour einstellt.» Amgen habe in den letzten sechs Jahren trotz generell sinkender Erträge Millionen von Dollars in den stets defizitären Anlass investiert. Hinter vorgehaltener Hand hätten sich Vertreter von Amgen sehr ungehalten gezeigt über die Dopingskandale, welche die Tour in den letzten zwei Jahren überschatteten. «Möglicherweise wird sich Amgen ganz aus dem Sponsoring von Velorennen zurückziehen.» Offiziell ist noch keine Entscheidung gefallen.
Gute Stimmung
Ungeachtet dieser dunklen Gewitterwolken über der Amgen Tour of California geniessen die Zuschauer und Zuschauerinnen den schönen Mainachmittag auf der Sierra Road. Die Fahrer sind längst in ihren Mannschaftsbussen verschwunden, die Siegerehrung und die Interviews vorbei. Die Rennleitung gibt nun die Bergstrasse in umgekehrter Richtung wieder für das Publikum frei. In grossen Trauben fahren die Hobby-RadfahrerInnen in der Nachmittagssonne zurück nach San Jose.







