Ich gestehe: Ich bin nicht sexy. Sonst würde ich nämlich, wie es zumindest die schönen jungen Leute bei uns im Quartier zu tun pflegen, nachts konsequent ohne Licht und ganztägig in einem Affenzahn auf dem Trottoir durch die Stadt Zürich brausen. Nein, ich bin altmodisch, und dies aus einem einfachen Grund: Ich liebe das flüssige Fahren mit dem Velo, auf der Strasse, wo es hingehört. Und VelofahrerInnen, die sich einem unvermittelt vom Trottoir runter vor die Nase stellen, mindern diesen Spass nun mal sehr.
Letzthin beispielsweise fuhr ich frisch und fröhlich, aber sicher nicht übertrieben schnell in der korrekten Richtung durch eine der wenigen Einbahnstrassen in Zürich, die noch nicht für den Veloverkehr in beide Richtungen offen sind. Dies wahrscheinlich, weil diese Strasse eine scharfe Linkskurve macht und erst noch auf kurzer Distanz die stark frequentierten Ein- und Ausfahrten von zwei Innenhöfen und einer Tiefgarage von ihr abzweigen. Quasi als Sahnehäubchen sind zudem rechts wie links der Strasse Autos parkiert; von Übersichtlichkeit kann keine Rede sein.
Wahrscheinlich vom rechten Trottoir her und zwischen zwei parkierten Lieferwagen durch – es ging so schnell, dass ich es nicht genau sah – schoss unvermittelt eine Velofahrerin hervor und bog schwungvoll in die Gegenrichtung zur Einbahn ein. Sie hörte offensichtlich kein Auto und folgerte daraus, freie Bahn zu haben. Dumm nur, dass sie dadurch direkt auf mich zufuhr – und als wir realisierten, was da abging, war es zum Bremsen zu spät. Wir blieben glücklicherweise beide unverletzt, worüber die schwungvolle Velofahrerin sehr erleichtert war; sie entschuldigte sich zudem sofort.
Ich motzte trotzdem erst mal los, so à la «Fahrt doch alle so illegal, wie ihr wollt, aber öffnet dabei mindestens die Augen!» Denn der Zusammenprall war meinem Velo nicht gut bekommen: Antrieb des mechanischen Tachos aus den 80er-Jahren irreparabel futsch; Frontlicht irreparabel kaputt; Lenkerkorb samt Befestigungsbügel so zerstaucht, dass er nicht mehr zu retten ist.
Aber keine Angst: Ich werde dennoch nie, nie jemanden davon zu überzeugen versuchen, dass es nicht zwingend unter unserer Würde ist, Strassenverkehrsregeln zu beherzigen, die offensichtlich nicht für uns gemacht wurden.
Denn noch viel schlimmer als jene, die «illegal» unterwegs sind, sind die selbst ernannten PolizistInnen. Ein Kollege sah kürzlich vor einer Kreuzung, die er regelmässig befährt, dass es ihm noch gut reichte, vor dem von rechts herannahenden Auto durchzufahren. Der Autofahrer hingegen sah offenbar einen Velorowdy, der ihm den Vortritt nehmen wollte – und drückte auf die Tube. Mit einem Schädelbruch wurde der Kollege ins Spital eingeliefert.
Ich bleibe dabei: Das wichtigste Tool im Verkehr sind immer noch offene Augen. Und wer ein Problem damit hat, mal kurz bremsen zu müssen, weil ein anderer nicht perfekt unterwegs ist, der gehört nicht auf die Strasse, egal mit welchem Gefährt.
Nicole Soland
23.03.2016







