Hauptsache, keine Extrawurst

Velofahrende sollen sich an Verkehrsregeln halten, die für Autos gemacht wurden. Das ist doch logisch. Oder?

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Nicole Soland
14.07.2015

Mit dem Velo bei Rot rechts abbiegen – diese neue Regelung wird zurzeit in Basel getestet. Wie man hört, funktioniert sie gut. In Zürich diskutierte der Kantonsrat Ende Juni eine entsprechende Motion der Grünliberalen. Die bürgerliche Mehrheit hatte jedoch kein Musikgehör, der Vorstoss wurde bachab geschickt. Eines der gegnerischen Hauptargumente war richtig hübsch: «Die Velofahrer sollen nicht noch dafür belohnt werden, dass sie sich nicht an die Regeln halten!»
Natürlich erlaubt man es den Autofahrern auch nicht, ohne zu blinken abzubiegen, nur weil es immer mehr von ihnen (zumindest in Zürich) so machen. Logo! Wobei: Manchmal überkommt mich der Verdacht, einige Autofahrerinnen nutzten das Nicht-Blinken als subtile Form der Rache an «den Velofahrern, die sich nie an die Regeln halten»: Dem Autofahrer kann es relativ egal sein, ob sein Vordermann geradeaus weiter will oder nach rechts. Er sieht ja die Bremslichter, und so besteht auch kaum die Gefahr, dass er ins Autofüdli des vorderen Autos donnert. Für die Velofahrerin hingegen wäre es schon sehr praktisch, zu wissen, ob einer rechts abbiegen will oder nicht – auch wenn man selbstverständlich jederzeit darauf gefasst sein muss, abgedrängt zu werden. Vor allem jene, die selber brav bei Rot anhalten, würden es sehr schätzen. Aber dass man auf die nicht speziell Rücksicht nehmen kann, leuchtet natürlich ein: Wo kämen wir da hin, wenn wir nicht alle VelofahrerInnen in denselben Topf schmeissen würden, sondern differenzieren müssten – und deshalb (nur so als Beispiel) einen Versuch mit Rechtsabbiegen bei Rot zuliessen, statt von Anfang an Nein zu sagen?
Die Forderung, die Velofahrerinnen müssten sich in jedem Fall an «die Verkehrsregeln» halten, heis­st bekanntlich, von ihnen zu verlangen, sich an Regeln zu halten, die dem Auto auf das Chassis geschneidert wurden. Es wäre etwa so, wie wenn man von den Autofahrern verlangen würde, sich nicht darüber aufzuregen, wenn ihre am äussersten Rand der Velobahn aufgemalte Spur plötzlich endet, von felgenfressenden Kanten durchzogen ist oder sie mitten in eine Fussgängermenge führt. Würden sie reklamieren und bessere Bedingungen verlangen, hiesse es, sie sollten erst lernen, beim Abbiegen anständig die Hand rauszustrecken. Und vor allem müssten sie ihre asozialen Praktiken aufgeben, namentlich jene, allen andern die Ohren vollzulärmen und die Nase zuzustinken. Sobald sie sich daran hielten, könnten sie gern wieder kommen mit ihren Forderungen …
Aber so läuft es natürlich nicht. Und so halten wir uns weiterhin tapfer an die Regeln, auch wenn wir dadurch oft gefährlicher leben, als wenn wir «frei der Nase nach» fahren würden. Und freuen uns lieber über die kleinen Dinge. Ich habe es zum Beispiel tatsächlich geschafft, für unsere Sommer-Velotour Billette im Nachtzug mit Velobeförderung zu ergattern. Zürich–Hamburg: ohne Umsteigen! Und retour ebenso. Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Dafür halte ich noch so gerne weiterhin bei Rot. Wenns nur das ist.

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