An der letztjährigen Eurobike in Friedrichshafen sorgte der Newcomer Neox aus Italien für Aufsehen: Er heimste auf Anhieb einen Award ein, neben arrivierten E-Bike-Marken wie Flyer, Haibike oder Specialized. Das ist verdient: Neox ist eines der auffälligsten und innovativsten Produkte des aktuellen Modelljahrs. Im Motor ist ein achtstufiges, elektromagnetisches Tretlagergetriebe integriert; die Kraftübertragung erfolgt über eine Kette, die in der komplett gekapselten Einarmschwinge verläuft. Das erlaubt ein spielend einfaches Auswechseln des Hinterrads für verschiedene Einsätze, was sonst bei E-Bikes ziemlich mühselig ist. Das 8-Gang-Getriebe ist etwa das, was man von Pinion erwartet hätte, und es vermag Panasonics Zweigang-Primeur glatt in den Schatten zu stellen. Dieser Wurf ist umso erstaunlicher, als Neox diesen Antrieb mit der Bezeichnung «F8.11» komplett in Eigenregie entwickelt hat. Der Akku mit Sanyo-Zellen ist ins Unterrohr integriert, und das E-Bike ist mit einer intelligenten Diebstahlsicherung ausgerüstet: Neben der mechanischen Sicherung lässt es sich auch durch einen PIN-Code schützen, der das Getriebe bei Fehleingabe in den Freilauf versetzt, was Wegfahren verunmöglicht.
Viel Know-how
Hinter der neuen Marke steht die Firma Siral SRL, die von der kleinen Maschinenbaufirma Sirtek Srl in der norditalienischen Provinz Vicenza (Veneto) für dieses Projekt gegründet wurde. Um das Elektrovelo nach fünf Jahren Entwicklungszeit zur Marktreife zu bringen, wurde Gianni Mazzeo als Berater beigezogen, ein Fachmann, der als ausgewiesener Velo- und E-Bike-Kenner gilt. Er war während acht Jahren Exportleiter und noch länger Verwaltungsrat bei Flyer. Überzeugt vom Potenzial des Produkts, hat er unterdessen seinen Job als Leiter einer Behindertenwerkstätte aufgegeben, um sich wieder ganz auf seine Velopassion zu konzentrieren. Mazzeo hat sich an Neox beteiligt und ist seit letztem Sommer hauptberuflich für die internationale Vermarktung und den Aufbau des Vertriebs zuständig. Neben dem italienischen Heimmarkt stehen vorerst Deutschland, Frankreich und die Schweiz im Fokus. Eine Nullserie von hundert Bikes konnte letztes Jahr bereits verkauft werden. Inzwischen bietet Neox die fünf Modelle «City», «Touring», «Urban», «Sporter» und «Crosser» an, vorerst nur in gedrosselter Pedelec-Version mit 250 Watt; der bis zu 500 Watt leistende Motor lässt aber künftig auch die Option für S-Pedelecs offen. Die Preise liegen zwischen 3700 und 5100 Franken.
Die Händler sind eingedeckt
Die bei den ersten Modellen noch dominierende Verschraubung der Kapselung soll noch optimiert werden. Die Technik ist zukunftsweisend und hat auch bei den führenden E-Bike-Motorenherstellern für Aufsehen gesorgt. Erste Fahreindrücke vermögen die hohen Erwartungen durchaus zu erfüllen. Die Schaltung funktioniert verblüffend einwandfrei. Zu Kritik Anlass gibt einzig eine gewisse Geräuschentwicklung. Dank der auf 48 Volt erhöhten Spannung beträgt die Kapazität der Batterie 500 Wh. All diese technischen Aspekte dürften für eine erfolgreiche Neox-Lancierung allerdings weniger entscheidend sein. Ausschlaggebend sind die Händler. Und die wenigsten haben auf ein weiteres neues System gewartet, nachdem sich schon mehr als ein halbes Dutzend Systeme etabliert und mehr oder weniger bewährt hatten.
Einige Händler haben mit Newcomer-Marken auch ihre weniger erfreulichen Erfahrungen gemacht. Das begeisterte Echo an der Eurobike seitens der Endkonsumenten stimmt Gianni Mazzeo aber optimistisch. Er werde genügend aufgeschlossene Händler finden, sagt er. In der Schweiz seien es derzeit eine Handvoll, in Deutschland schon bald zwei Dutzend.
Neox ist von der Crowdfunding-Internetplattform Kickstarter auserkoren worden. Zwei Modelle werden zum «Botschafterpreis» von 2990 statt 4500 Franken angeboten. Aussergewöhnlich ist dabei, dass die Auslieferung gegen Bezahlung einer Pauschale ausschliesslich über Händler erfolgen soll.
Peter Hummel
19.05.2016







