Der Sommer kommt, ums Pedalen gern würde man sich neue Trikot-Stöffchen überziehen, am liebsten solche, die nicht nur funktionieren, sondern auch hübsch aussehen. Gefälliges Gewand trägt bei zur Freude an der Bewegung und gehört zum guten Leben. Geschmackvolle Velokleider sind aber leichter gewünscht als gefunden. Die Sportabteilungen der Grossverteiler sowie die meisten Velo-Fachgeschäfte stellen sich als erbärmliche Gewandhäuser heraus. In den Gestellen hängen fast nur die biederen, die stieren Schauerlichkeiten, welche die Radfahrer unterwegs auch zur Schau stellen. Diese Veloleibchen erinnern an Trainingsanzüge der Fünfzigerjahre und Zivilschutz-Tenüs. Schlimmer noch: Anbieter und Kunden haben offenbar vor dem allgemeinen textilen Trübsinn kapituliert und sich auf das mehrheitsfähige Schwarz geeinigt. Grau ist da schon eine Kühnheit. Die meisten Velofahrer huschen so düster gewandet über Land, als nähmen sie teil am Begräbnis der Farben. Wen wundert es, dass diese Kohlesäcke sogar auf der Blustfahrt so griesgrämig wie Pastoren in die Welt blicken?
Diese grässlichen Fetzen würden sie als zivilisierte Fussgänger verweigern, doch beim Velofahren tun sie sich und den Mitmenschen so etwas an, lassen minimales Stilgespür zu Hause. Am schlimmsten sind die Gümmeler. In Nachäffung der Profis ziehen sie Trikots über, welche auch sie zu radelnden Werbesäulen für Banken oder Wursthersteller machen. Die Profis beziehen von den Banken ihr Gehalt, ihre Epigonen aber zahlen für die Wursthemdchen, die sie zu Markte tragen, noch einen stolzen Preis drauf, was eine Form kapitalistischer Freizeit-Sklaverei ist. Selbst intelligente Menschen unter den Gümmelern schalten so gleichzeitig die Ästhetik aus.
«Diese grässlichen Fetzen würden sie als zivilisierte Fussgänger verweigern, doch beim Velofahren tun sie sich und den Mitmenschen so etwas an, lassen minimales Stilgespür zu Hause.»
Es wären Velo-Oberteilchen zu entwerfen, die – klassisch oder bunt und frech – unsere Freude am Radfahren auch sichtbar werden liessen, Trikots, die sich etwa auf eine Region oder einen Kanton beziehen. Warum gibt es keines mit dem schwarzen Berner Bären vor den leuchtenden Wappenfarben Rot und Gelb? So eines würde ich glatt kaufen und im Ausland spazieren führen.
Auf keinem der insgesamt 18 Zweitausender-Strassenpässe des Landes habe ich je ein Velohemd mit dem Pass-Namen gefunden. Stolz würde ich bei anderen Radlern mit dem lustigen Leibchen Werbung für diesen Pass machen, zehnmal lieber als für Bank oder Wurst. Wieso schaffen die Schweizer Modefachfrauen und Touristiker das nicht, was es in Frankreich, Italien und in den USA längst gibt? Der Grund ist einfach: Es gibt keine Nachfrage. Kaum ein Gümmeler erkundigt sich auf der Passhöhe nach einem Nufenen-Hemdchen. Tollkühn scheint diese Form textiler Verspieltheit dem nüchternen Schweizer, und fremd ist sie ihm.
Jetzt aber erhellt sich der Modehorizont. Die März-Ausgabe der Zeitschrift «Tour» kündigt «die schönsten Trikots der Saison» an. Ich stürze mich darauf und erhoffe innigst die Befreiung aus der grauslichen Klamottengruft. «Tour» zeigt diskret beschriftete Trikots, einfarbig oder kariert, orientiert sich bei der Auswahl eher klassisch, und die Damen haben in Sachen geschmackvolle Trikots eine grössere Auswahl als wir Herren. Die edlen Stücke sind sorgfältig hergestellt, ihr hoher Preis wird abgegolten durch lange Lebensdauer. Was heisst das? Noch mehr Velo fahren, aber bitte nur in vifem Tenü. Die Kohlesäcke bleiben in der Gruft. Sommer, erwache!







