Fahre ich übers weite Land, begrüsse ich alle, die mir entgegenschweben: Gümmeler, Mountainbikerinnen, Elektronauten, Seniorinnen beim Einkaufen. Ich bin der Grüssaugust, hebe den rechten Arm und rufe, abwechselnd zwischen «Salut» über «Ciao» bis «Servus», diverse Nettigkeiten hinüber. Die meisten Velomenschen sind von der Grussbotschaft so überrascht, dass ihnen kaum Zeit bleibt, sie zu erwidern, selbst wenn sie es möchten. Manche schaffen knapp ein schitteres Pastorennicken und maulen «Hallo», den oberdoofsten Gruss, den es gibt, sodass mir ein Grussverzicht eigentlich lieber wäre.
Wer will denn überhaupt Guten Tag sagen? Zehnmal habe ich auf der Fahrt meine Gegenüber als Erster gegrüsst. Jetzt reicht es. Ich schaue, was geschieht. Eine nach dem anderen schaukelt vorbei, und ich zähle. Resultat: Von vierzehn Veloschwestern und -brüdern grüssen bloss deren zwei als Erste herüber, nur eine kleine Minderheit ergreift also von sich aus die Grüssli-Initiative. Sind wir Schweizerinnen und Schweizer ein so griesgrämiges Volk?
Viele Velofahrer wollen in Ruhe gelassen werden, trennen sich gar durch Musik-Ohrenstöpsel von dieser Welt, und die Automenschen sitzen ja auch grusslos in ihrem Kokon. Manche finden es zudem eine Frechheit, dass ich sie, obwohl wir uns nicht näher kennen, einfach duze. Ich Grüssaugust aber finde: Menschen, die sich auf dem Velo sehen, duzen sich, fertig.
Mit der Duzerei stosse ich ausgerechnet im Velo-Mekka Frankreich auf taube Ohren. Rufe ich ein brüderliches «Salut», kommt ein distanziertes «Bonjour Monsieur» zurück. In der Konversation duze ich sie, und sie siezen mich, bis auf die Passhöhe.
«Ich Grüssaugust aber finde: Menschen, die sich auf dem Velo sehen, duzen sich, fertig.»
Eigene Regeln gelten unter Gümmelern. Wenn ich einen ungefähr gleich starken Radkameraden einhole, gehe ich zuerst einmal in seinen Windschatten und lasse ihn für mich arbeiten. Kennt er das Handwerk ein bisschen, bleibt er eine Weile vorn, schert dann links aus und lässt sich ablösen in der Führung. In dem Moment, wo ich aufrücke, ist es an mir, ihm als Erster einen guten Morgen zu wünschen, und nun kurble ich für ihn. Werde ich von einem Gümmelergenossen überholt, dann grüsst zuerst er, der Überholer, und nicht ich, der Überholte.
Bei Pass-Auffahrten geschehen lustige Szenen. Die meisten wirklich starken Fahrer grüssen beim Überholen. Dann gibt es mittelstarke Ehrgeizlinge, die kurz gross aufdrehen, um in Führung zu gehen. Diese sagen keinen Ton, ich aber bleibe an ihren Absätzen. Das stachelt ihren Ehrgeiz an. Keine Sekunde denken sie daran, zusammenzuarbeiten, sich ablösen zu lassen, ich aber lutsche an ihrem Hinterrad. Jetzt hat der Mann vor mir eine rote Birne und zwei grüne Beine, keucht schwer. Als er dahinschmilzt, überhole ich ihn und sage vorsichtig «auf Wiedersehen», denn weiter oben, da könnte wieder ein Rollentausch passieren.







