Im Sommer 1943 landen die Alliierten in Süditalien und drängen die deutsch-italienischen Truppen nach Norden. Das ermutigt die Partisanen, die antifaschistischen Aktionen auszuweiten. Weil Benzin rar ist und Motorfahrzeuge überwacht werden, kommt dem Velo eine wichtige Rolle zu. Das merken auch Faschisten und Nazis. Sie richten auf Italiens Strassen Hunderte von Kontrollposten ein, an denen auch Radlerinnen und Radler gefilzt werden.
In Friedenszeiten ist das Velo sehr beliebt, jetzt, bei Mangelwirtschaft und kaputten Strassen, bewährt es sich erst recht. Im Krieg transportiert das Zweirad aber nicht bloss Käse, Brot und Salami, sondern auch diverse Dokumente, Munition und Handgranaten. Häufig sind es Frauen, welche so ihr Leben riskieren. Die Partisanen bauen ein Velokuriersystem auf, in dem auch bekannte Rennfahrer wie Zanazzi und Bevilacqua mitarbeiten. Manche Hersteller liefern gar Velos in den Untergrund, ihre Läden werden in diesem Netz unauffällig zu geheimen Kontaktpunkten.
Subversion oder Frischluft?
Derweil wird der Aufwand an den Kontrollposten so gross, dass die deutschen Besatzer mancherorts den Zweirad-Gebrauch verbieten und so ganze Industrieviertel lahmlegen, denn normalerweise fahren die Arbeiter mit dem Velo in die Fabrik. Das Verbot wird aufgehoben, für die Benutzung des Velos aber eine amtliche Bewilligung diktiert, was Lawinen gefälschter Velo-Ausweise zur Folge hat. Fürwahr, das Velo lässt sich nicht unterkriegen.
Die Strassen-Kontrolleure vermuten nunmehr in jedem Radler einen schiessbereiten Rebellen. Für die Nazis ist das Velo eine Gefahr und etwas Subversives, für die Widerstandskämpfer aber ist «das Fahrrad die frische Luft zum Atmen», wie der Mailänder Partisanenchef Giovanni Pesce nach dem Krieg sagen wird. Der berühmteste unter den subversiven Velokurieren heisst Gino Bartali. Jawohl, der grosse Gino Bartali (1914–2000), mehrmaliger Sieger von Tour de France und Giro d’Italia, vor und nach dem Krieg.
Gino Bartali und Fausto Coppi: So heissen die Halbgötter auf zwei Rädern. So unterschiedlich sind ihre Lebensmuster, dass sie die veloverrückten Italiener in zwei Lager spalten. Coppi saust mit Höhen und Tiefen durch das Leben. Bartali trinkt Wein und raucht gern Zigaretten, daneben ist er aber so brav und anständig, dass Papst Pius XII. ihn vor der katholischen Jugend als Vorbild anpreist.
Kontrolle oder Autogramm?
Bald bekommt Bartali den Übernamen «Gino, der Fromme». Ein Frömmler ist er aber nicht, sondern setzt die Nächstenliebe praktisch um. Kreuz und quer fährt er durchs Land, die Leute fragen sich, warum er so viel trainiert. Weil er berühmt ist, nehmen es die Wächter an den Strassenposten nicht genau mit der Kontrolle, bitten lieber um ein Autogramm. Doch der Star transportiert im Sattelrohr des Velos gefälschte Ausweise und Passierscheine über die Linien, bis hin zu Verstecken, in denen Jüdinnen und Juden darauf hoffen, dank den Papieren dem Zugriff durch die Nazis, dem Transport nach Auschwitz zu entgehen. Bartalis riskante Hilfe geht so weit, dass er eine jüdische Familie im Keller des eigenen Hauses in Florenz ein Jahr lang versteckt hält und ihre Verpflegung sicherstellt.
Gino Bartalis geheimen Kurierdiensten verdanken ungefähr 800 Jüdinnen und Juden ihr Leben. Zeitlebens spricht Bartali nie über diese Fahrten, schweigt bescheiden dazu bis zu seinem Tod im Jahr 2000. Es leben aber ein paar Gerettete in hohem Alter, die Bartalis Hilfe von damals bestätigen, und in jahrelanger Arbeit hat eine Kommission in Jerusalem nachgeforscht. Ende September 2013 hat Bartali an der Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel den Ehrentitel eines «Gerechten unter den Völkern» posthum erhalten; diese Auszeichnung geht an Menschen, die ihr eigenes Leben riskiert haben, um Juden zu retten. Gino Bartali verdient diese Ehre achthundert Mal.







