Gebt Strom statt Gas auf den Landstrassen!

Die kaum bekannten Schweizer Hauptstrassen harren ihrer Entdeckung, und in dieser Situation könnten Stromradler eine Pionierrolle spielen.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Kommentar, 21.05.2014

Ein Blick in die Verkehrsgeschichte: In der Zwischenkriegszeit wächst die Zahl der Motorfahrzeuge in Europa zünftig, die gebirgige Verkehrskreuzung Schweiz wird auf der Durchfahrt zum Hindernis. Da verflüssigen Bund und Kantone die Transitadern, bauen die Strassen aus, nummerieren sie von Grenze zu Grenze, von Kanton zu Kanton, durchgehend, klar und einheitlich. 1937 ist das Hauptstrassennetz vollendet. Statt eine Karte zu studieren, folgt man den Nummern auf den Strassenschildern, saust auf der Drei vom Bergell in den Schwarzwald, lässt sich von der Zwei aus der Leventina ins Elsass befördern. Dieses kluge Werk der Verkehrsplanung taugt bis in die 60er-Jahre.

Nach 1945 explodieren die Zahlen der Motorfahrzeuge, und auch die der Verkehrsopfer. Deshalb arbeiten die Strassenbauer nun an den Nationalstrassen, den Autobahnen, wie wir sie kennen. Jetzt rollt der grosse Verkehr über diese, und dadurch erfahren die Hauptstrassen eine klare Aufwertung. Manche von ihnen sind auch hübsche Landstrassen und immer noch durchgehend nummeriert, doch im allgemeinen Bewusstsein existieren sie kaum, werden auch in den Verkehrsmeldungen am Radio nicht erwähnt, weil sie, im Gegensatz zu den Autobahnzahlen, eben niemandem geläufig sind.

Heute hat die Landstrasse, als Erlebnis an sich, ausgedient. Der einzige Sinn der Strasse ist, dass man sie möglichst schnell hinter sich bringt, und das ist eigentlich barbarisch.

Wenn ich sage, ich mache auf der Eins eine Pässetour vom Mutschellenpass zum Col du Chalet-à-Gobet, versteht keiner, was gemeint ist. Manche schwärmen von den Traumstrassen in der weiten Welt, kommen aber nicht auf die Idee, dass ihre fernen Highways und unsere nahen Landstrassen Verwandte sind. Über die Landstrassen schaukelten sonntägliche Autofamilien bis in die 70er-Jahre und hatten so ihr Landschaftsvergnügen. Heute hat die Landstrasse, als Erlebnis an sich, ausgedient. Der einzige Sinn der Strasse ist, dass man sie möglichst schnell hinter sich bringt, und das ist eigentlich barbarisch.

Die Liste der Hauptstrassen liefert ein Google-Klick, und wir neugierige Zweirad-Menschen, mit oder ohne Elektromotörlein, stossen auf verborgenes Kulturgut, das auch uns gehört. Das ständige Gejammer über den Verkehr hält viele Radlerinnen und Radler davon ab, auf Landstrassen zu fahren. Weil sie dort also nicht vorhanden sind, kann die motorisierte Menschheit glatt vergessen, dass Menschen auf Velos überhaupt exis­tieren.

Wer hilft ihnen beim Vergessen? Die Velofahrer, ausgerechnet! Landstrassen können wir aber so teilen, wie das auf den Stadtstrassen ja schon funktioniert. Gemeinsames Befahren des Asphalts ist die beste Lösung in diesem Land, beruhigt nebenbei den Verkehr und fördert das coole, das heisst höfliche Autofahren. Der motorisierte Privatverkehr hat seinen Zenith überschritten, vielleicht tritt das immer beliebtere Elektrovelo die Nachfolge an. Das kommt auch den Gümmelern zupass, denn die hängen sich gern in den Windschatten der Herrschaften aus Elektra.

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