«Ich bin die grosse dünne Blonde mit Hund und Velo», erklärte Maxi Kutschera. Man könne sie also selbst am Bahnhof Bern nicht übersehen. Und so ist es dann auch. Ihr Velo ist ein Herrenrad mit hohem Rahmen, von einem Noname-Hersteller: «Es steht nichts drauf. Mein Mann hat es an der Velobörse für sich selbst gekauft. Ich sagte: No, das ist meins!» Seither braucht sie es vor allem für die Touren, die sie mit ihrem Partner Urs fährt. Wegen ihm ist sie in die Schweiz gezogen – aber dazu später.
Maxi Kutschera steht hinter etlichen velospezifischen Buchpublikationen. Zuletzt ist in ihrem Maxime Verlag ein Werk erschienen, das die Physik des Velos detailliert erklärt. Zwischen den attraktiv gestalteten Buchdeckeln finden sich 700 Seiten Text und Diagramme. Das Wahnsinnswerk des Ingenieurs Peter Appeltauer trägt den Titel «Das Kleingedruckte beim Radfahren». Man fragt sich: Wer braucht so etwas? Kutschera lacht. Nicht sie selbst, sie sei eine gemütliche Radlerin, «aber die, die noch schneller werden wollen, und alle, denen es auf das letzte Quäntchen ankommt».
Viele Projekte
Als Nächstes wird bei Maxime ein Roman aus dem Jahr 1895 erscheinen. Die Verlegerin gerät ins Schwärmen: «Es ist eine Liebesgeschichte des bekannten französischen Autors Maurice Leblanc. Zwei befreundete Ehepaare gehen zusammen auf eine Velotour und kehren mit getauschten Partnerschaften zurück. Was dazwischen alles passiert, wie gesellschaftliche Normen über Bord geworfen werden, ist so feinsinnig beschrieben … für diese Zeit ein unglaublicher Roman.»
Sie hat das Buch nun erstmals auf Deutsch übersetzen lassen und ihm den Titel «Nun wachsen uns Flügel» gegeben («Voici des ailes»). Das Werk markiert den Anfang der Reihe «Velothek», die Kutschera zusammen mit dem Anglisten und Schriftsteller Elmar Schenkel herausgibt. Auch ein zweites Buch steht schon fest: die Geschichte des deutschen Radrennfahrers Albert Richter, der gerade Weltmeister wurde, als die Nazis an die Macht kamen. Es erzählt von sieben dramatischen Jahren eines Volkshelden, der sich weigert, instrumentalisiert zu werden, und der am Schluss verpfiffen und umgebracht wird. Das Buch schrieb der deutsche Autor Herbert Friedrich Anfang der Siebzigerjahre. Gut möglich, dass Richters Geschichte jetzt nochmals bekannt wird.
Gegründet hat die 43-jährige Maxi Kutschera ihren Velobuchverlag 1995, vier Jahre später startete sie fahrradbuch.de: «Auch da gibt es nur ausgewählte Bücher zum Thema Fahrrad. Antiquarische, besonders gute, viele internationale und auch ein US-Magazin.» Das Velo, sagt die Verlegerin, sei ein durch und durch sympathisches Thema: «Kampfgeist, Leidenschaft, Lebensfreude, Freiheit, Kunstobjekt – das Velo hat so viele positive Nuancen.»
Ihre Leidenschaft hat sie ihrem Sohn vererbt: Der 16-jährige Baldur Kutschera fährt Einrad und sorgt schon mal für Schlagzeilen. Etwa, als er auf eine Schweiztour aufbrach, mit selbst gebastelter Gepäckvorrichtung zwischen Sattel und Rad, und dem Plan, die Alpen zu überqueren. «Er hat ein Einrad für die Berge, eins für Rennen, eins zum Springen, eins zum Balancieren – das ist der reinste Einrad-Zoo», lacht die Mutter.
Auch ihr Mann habe etliche Räder in der Garage. Dessen Veloleidenschaft war es denn auch, die ihn zum Liegevelotreffen nach Leipzig brachte und direkt an den Buchstand von Maxi Kutschera. Man war sich schnell sympathisch. Und Maxis Sohn fand, dieser Urs würde gut zur Mutter passen. «So war sichergestellt, dass beide die Adressen des andern hatten, bevor das Treffen zu Ende ging», schmunzelt sie.
«Ein Jahr später kamen wir gerade rechtzeitig zum nächsten Liegevelo-Treffen – als Abschluss unserer Hochzeitsreise.» Wer den beiden unterwegs begegnete, sah eine Braut im weissen Kleid, mit Schleier und Strümpfen auf einem beigen Retrovelo sitzend gegen den Wind radeln. Vor sieben Jahren war das. Seither ist Maxi Kutschera begeisterte Bernerin. Und wie früher in Leipzig ist sie «die grosse dünne Blonde, die mit Hund und Velo durch die Stadt fährt».







