Andere würden nur schon bei der blossen Vorstellung stöhnen: von einem Dorf oberhalb von Biel ins Zürcher Seefeld-Quartier pendeln, morgens hin und am Abend zurück, samt Velo, das mit in den Zug kommt. Dazu auf dem Rücken eine Tasche und an der Leine, respektive im Körbchen, Hund Enok. «Das Hündchen», wie Violanta von Salis ihrem norwegischen Lundehund manchmal auch sagt, gehört dazu. «Einzig wenn wir Pässe fahren, bringen wir ihn Freunden zum Hüten. Nicht wegen der Anstrengung, sondern weil die langen Strecken auf verkehrsreichen Passstrassen für vierpfotige Gepäckträger-Passagiere nicht sehr geeignet sind.»
Mit dem Velo Berge zu bezwingen, ist für Violanta von Salis mittlerweile zur grossen Leidenschaft geworden: «Es gibt nichts Schöneres, als mit dem Tourenvelo und leichtem Gepäck einen Pass vor der Nase zu haben und Richtung Süden zu fahren. Das ist für mich das Höchste der Gefühle.»
Die 49-Jährige, die zusammen mit ihrem nicht weniger velobegeisterten Ehemann August Pfluger in Zürich eine Kommunikationsagentur führt, wirkt denn auch fit wie ein Rennveloschuh. Eigentlich ist sie dank ihrem Mann überhaupt erst aufs Velofahren gekommen, sie sei nämlich eher ein Töffli-Kind gewesen, erzählt sie. In Frauenfeld aufgewachsen, hätten sich die Eltern mit ihr und den vier Geschwistern meistens im Auto fortbewegt – weil oft auch Pferde im Anhänger mit dabei waren. Multimobilität hat die bewegungsfreudige Frau schon früh mit auf den Weg bekommen. Heute ist es das umweltfreundliche Unterwegssein per Velo, Zug und in Spazier- oder Wanderschuhen, auf das sie nicht mehr verzichten würde.
Ein Velovirus, fünf Fahrräder
Auch beruflich beschäftigt sie sich intensiv mit umweltfreundlicher Multimobilität. Sie ist Mitorganisatorin der von der Stadt Zürich jeweils im September durchgeführten Aktionstage «Zürich Multimobil».
Angefangen hat alles mit dem ersten «World Solar Cycle Challenge»-Rennen, 1999 in Australien. Ihr Mann leitete die Teilnahme des Schweizer «Spirit of Bike»-Teams. Mit Prototypen von heutigen E-Bikes (die noch mit Solarzellen ausgerüstet waren) gingen sie damals an den Start – und landeten prompt auf dem ersten und dem dritten Platz. Für Violanta von Salis bedeutete die Teilnahme: in die Pedale treten, aber richtig! Ein Trainer brachte ihr das Rennvelofahren bei, «mit Clicks», wie sie kommentiert. «Und ich stürzte auch mal, wie es sich gehört.» Doch seither trägt sie das Velovirus in sich. «Mittlerweile habe ich fünf Fahrräder: ein Rennvelo, zwei Tourenvelos, ein Stadtvelo, ein Mountainbike und dann noch das Tandem, das wir zur Hochzeit geschenkt bekommen haben, und das mittlerweile vor allem meine Nichten und Neffen fahren.»
Am Tourenfahren gefällt ihr vor allem die Kombination von Vorwärtskommen und Landschaft geniessen. «Kommt dazu, dass du als Velofahrerin eigentlich immer willkommen bist. Und – ein grosser Vorteil – du kannst bei Tisch richtig reinhauen und geniessen.» Velofahren habe für sie viel mit Genuss zu tun, und natürlich auch mit Sport. «Ein Pass mit 1000 und mehr Höhenmetern ist reine Kopfsache», sagt sie, «und manche Passstrassen sind genial – was da die Ingenieure geleistet haben, ist phänomenal! Es macht wusch-wusch-wusch, und du bist oben, etwa am Splügen oder dem Grimsel.» Klar sei der Lärm der Autos und Töffs manchmal nervig, und sie müsse sich hin und wieder zusammennehmen, um nicht aggressiv zu werden, «aber ich bin keine Autogegnerin».
Die Autos hätten auch ihre Berechtigung, «und man ist als Velofahrende ja gerne tolerant. Auch die sollen es geniessen dürfen. Ich suche aber mehr und mehr die weniger befahrenen Pässe.» Sie wünscht sich sehr, dass künftig an jedem Wochenende ein Pass für einen Tag für Velos reserviert wird. «Einige wenige gibt es bereits, dank des Engagements des Vereins Freipass. Die Organisation ist aber aufwendig, so weit ich gehört habe.»
Violanta von Salis lacht viel. Als «leidenschaftlich, engagiert, energiegeladen» wird sie – ein Organisations- und Kommunikationstalent – von ihren Bekannten beschrieben. Dass sie in Biel wohnt, hat auch viel mit Leidenschaft zu tun, oder sogar mit Liebe: «Mein Kopf ist in Zürich, mein Herz in Biel.» Dort könne es einem passieren, das man beim zweiten Besuch in einer Beiz bereits gefragt werde, wer man sei und woher man komme. «Die Leute sind extrem offen, neugierig und herzlich», stellt sie fest. Und man ist geneigt zu sagen: «Genau wie Sie!»







