In Asien schossen Veloverleihsysteme in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden. In China läuft sogar ein regelrechter Verdrängungswettbewerb unter den Anbietern. Befeuert wird er durch Investoren, die Kapital in die Start-up-Firmen pumpen. So wurde diesen Sommer bekannt, dass Ofo, die Nummer eins unter Chinas Veloverleihern, eine Finanzspritze von mehr als 700 Millionen US-Dollar erhalten hat. Und auch der direkte Konkurrent Mobike konnte seine Kasse mit 600 Millionen Dollar auffüllen. Das Geld stammt von Risikokapitalgebern aus dem Online-Handel und dem Technologiesektor. Beide Veloverleiher wollen expandieren. Und das nicht nur im Reich der Mitte, sondern vor allem in Europa.
Trotz des Geldsegens machen aber vorläufig weder Ofo noch Mobike in der Schweiz von sich reden. Doch auch die Fahrräder, die nun überall in Zürich anzutreffen sind, stammen aus Fernost. OBike, ein Start-up aus Singapur, hat im Juli von einem Tag auf den anderen seine grau-gelben Velos in der Stadt verteilt (siehe Praxistest).
«Grundsätzlich ist das eine sehr interessante Entwicklung, die Bewegung in den Verleihmarkt bringt», kommentiert Pro-Velo-Schweiz-Sprecherin Bettina Maeschli. Es gebe so mehr Angebote für alle, die sich per Velo in der Stadt fortbewegen wollten. «Das dient letztlich der Veloförderung.» Die Fahrräder müssten aber gut ausgerüstet und fahrtüchtig sein.
«Obikes sind Schrott»
Die Singapurer Firma OBike setzt auf günstige und schwere Velos aus China. Der Verleih funktioniert nach dem Free-Floating-Prinzip. Das bedeutet: Die Velos können überall parkiert werden. Geortet, gebucht und entsperrt werden sie via Smartphone-App. Wer einfach mal etwas rumgondeln wolle und keine Ansprüche stelle, könne schon so ein Rad nehmen, meint Dave Durner. «Doch die Velos sind Schrott», so das unverblümte Urteil des Pro-Velo-Zürich-Geschäftsleiters. Ausgestattet mit nur einem Gang, seien sie für Zürichs Topografie ungeeignet. «Mit dem eigenen Fahrrad oder einem günstigen von der Velobörse ist man wesentlich besser beraten.» Wer Kommentare von OBike-NutzerInnen im Internet liest, findet aber auch lobende Worte. Nicht alle stören sich an den schweren Fahrrädern.
Eher sorgt ein anderer Punkt für rote Köpfe: Die zu Beginn rund 900 grau-gelben Zweiräder beanspruchen viel öffentlichen Raum. «Die Leihvelos sollen nicht die – oft leider zu raren – Veloparkplätze verstellen», sagt Bettina Maeschli. «Ich bin aber zuversichtlich, dass die Städte hier gute Regelungen finden werden.» Mit dem Städteverband arbeite man derzeit an einem gemeinsamen Positionspapier mit Empfehlungen zum Umgang mit den Free-Floating-Anbietern, ergänzt die Pro-Velo-Sprecherin.
Problem Abstellplatz
Die Hemmschwelle, ein geliehenes Rad an einem ungeeigneten Ort abzustellen, sei niedriger als bei einem Velo, das einem gehört, heisst es dagegen bei Fussverkehr Schweiz. Falsch parkierte Zweiräder auf dem Trottoir seien problematisch für Sehbehinderte, und sie versperrten Eltern mit Kinderwagen den Weg. In Zürich gesteht das zuständige Tiefbauamt OBike maximal zehn Prozent der öffentlichen Plätze zu. «Eine vorläufige Regelung, die den gesteigerten Gebrauch des öffentlichen Raums berücksichtigt», wie Sprecher Mike Sgier gegenüber Velojournal erklärt. Auf die Beanspruchung des öffentlichen Raums angesprochen, heisst es bei OBike, dass man sehr bemüht sei, falsch parkierte Velos zeitnah wegzuräumen oder sie gemäss der Zehnprozentregel zu verteilen.
Nach Ansicht von Dave Durner ist die Zehnprozentregelung zu grosszügig. «Es gibt in Zürich sowieso zu wenige Veloabstellplätze.» Durner findet die OBikes umso ärgerlicher, als sie wenig benutzt und darum dauergeparkt würden. Maeschli ergänzt, dass die Velos vom Anbieter bewegt werden müssten, sonst funktioniere das Ganze nicht. Dieser Umstand ist für den Pro-Velo-Zürich-Geschäftsleiter Indiz dafür, dass das Geschäftsmodell von Obike nicht nachhaltig sei. In zwei Jahren werden die Obikes wieder verschwunden sein, so seine Prognose. «Wenn das Angebot langsam versandet, nützt das der Veloförderung aber wenig.» Dave Durner setzt darum auf «Züri Velo» von Publibike und Stadt, das seriös geplant sei und darum mehr Chancen habe, in Zürich zu bestehen. Der Verleih soll im Frühling 2018 starten.
Fabian Baumann
11.09.2017







