Extreme erfahren

Das Race Across America gilt als härtestes Velorennen der Welt. Es führt über 4800 Kilometer von der West- zur Ostküste der USA. Filmemacher Stephen Auerbach fuhr mit und drehte «Bicycle Dreams».

Bruno Angeli, Autor (info@bruno-angeli.ch)
Film, 18.07.2017

Für seinen Film setzte Stephen Auerbach 18 Kameras ein. Damit wurden über 450 Stunden Rohmaterial gedreht. Die begleiteten Athleten – Jure Robic, Bob Breedlove, Cat Berge, Chris MacDonald und Patrick Autissier – wurden über die ganze Strecke hinweg filmisch begleitet, zusätzlich dazu gewährten sie in Kurzinterviews und Statements Einblick in ihre Befindlichkeit. Neben den vielen Entbehrungen und Krisen, welche die Zuschauer hautnah miterleben können, kam es bei der Austragung 2005 auch zu einer Tragödie. In der Geschichte des Race Across America (RAAM), das seit 1982 ausgetragen wird, gab es bisher zwei Todesfälle. Ein Unfall mit tödlicher Folge ereignete sich ausgerechnet in jenem Jahr, als Auerbach den Film drehte: Bob Breedlove stiess mit einem Motorfahrzeug zusammen. Wie sich der Unfall genau zugetragen hat, ist noch immer ungeklärt. Trotz des tragischen Unglücks wurde das Rennen weitergeführt, aber nicht alle Fahrer wurden gleich darüber informiert. Dieser Umstand sorgte für grossen Unmut.

Langsam und schlaflos
Beim RAAM geht es darum, die 4800 Kilometer lange Strecke mit einer Höhendifferenz von etwa 30?000 Metern in einer bestimmten Zeit zurückzulegen. Einzelfahrer müssen das Ziel innerhalb von maximal zwölf Tagen erreichen. Die mittlere Geschwindigkeit, die bei der Standardstrategie am RAAM gefahren wird, liegt bei nur etwa 20 bis 25 Stundenkilometern, wie Michael Nehls und Uwe Geissler in ihrem Buch «Herausforderung Race Across America» (2009) schreiben. Bei dieser niedrigen Geschwindigkeit werde der Luftwiderstand, der überproportional zum Tempo anwachse, möglichst gering gehalten. Die dafür erforderliche Leistung könne ein durchschnittlich trainierter Sportler daher auch ohne Doping leicht erzielen, schreiben die Autoren.
Geschlafen wird bei dieser Standardstrategie sehr wenig, im Durchschnitt etwa zwei Stunden täglich. Und nur etwa die Hälfte der Teilnehmer des härtesten Velorennens der Welt erreiche jeweils das Ziel. Ein häufiger Grund, aufzugeben, ist denn auch die Übermüdung. Der Film zeigt eindrücklich, was der Schlafentzug mit den Akteuren macht: Fahrer, die in paranoide Zustände verfallen, und Unfälle durch Sekundenschlaf sind keine Seltenheit. Weitere Gründe listen Nehls/Geissler auf: Es sind unter anderem orthopädische Probleme (Nackenmuskulatur), Dehydrierung, Magen-Darm-Probleme, Atemwegprobleme (Infektionen, Lungenblutungen) oder Motivationsprobleme. Im Jahr 2008 sorgte Nehls mit einer neuen Schlafstrategie für Furore. Sein Ziel war, das Rennen nicht etwa zu gewinnen, sondern gesund zu beenden. Er fuhr jeden Tag in etwa 15 Stunden rund 400 Kilometer weit. So hatte er abzüglich der Essenspausen jede Nacht etwa sechs Stunden Schlaf. Mit dieser – nicht überall gern gesehenen – Strategie wurde er sogar Siebter!

Doping ist unattraktiv
Ein weiteres Argument, warum Doping beim Race Across America nicht gefragt ist, beantwortet Nehls in seinem Buch so: «Die wenigsten gehen hier an den Start, um andere zu besiegen – kaum einer misst sich mit realen Gegnern, hier kämpft man mit sich selbst. Man kämpft gegen seine eigenen Dämonen. Doping wäre ein Pyrrhussieg, das heisst, ein zu teuer erkaufter Erfolg, mit dem man in erster Linie sich selbst betrogen hätte!» Der Dokumentarfilm «Bicycle Dreams» ist gut gemacht und auch acht Jahre nach Veröffentlichung noch immer sehenswert. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem am Red Rock Film Festival in Utah, beim Los Angeles Sports Film Festival oder am Moscow Sports Film Festival.


DVD
«Bicycle Dreams»
April 2009 (Ersterscheinung)
Regie: Stephen Auerbach
Kamera: Don Hauk
Cutter: Stephen Auerbach
Mitwirkende: Jure Robic, Cat Berge, Patrick Autissier, Bob Breedlove, Chris Hopkinson, Chris MacDonald
Produzenten: Stephen Auerbach, Andy Firchau, Brian C. Haynes, Perry Stone
Bemerkungen: Originalversion in Englisch. Auch als Video on demand über vimeo.com erhältlich.

Empfohlene Artikel