Barcelona, Berlin, London, Paris, Peking oder New York – die Liste lässt sich fast beliebig erweitern. In zahlreichen Städten gibt es heute einen automatischen Veloverleih. In Asien boomt Bikesharing regelrecht. Es gibt Systeme mit festen Dockingstationen wie etwa in Paris. Daneben existieren Smartphone-basierte Lösungen ohne feste Abstellstationen, wie sie derzeit in China beliebt sind. Auch bei der Grösse der Verleihsysteme gibt es Unterschiede. Als einer der bedeutendsten Anbieter in China hat Ofo gemäss eigenen Angaben rund 3 Millionen Sharingbikes in 50 Städten in Betrieb. Vélib in Paris mutet mit seinen etwa 20?000 Velos dagegen geradezu bescheiden an. Und nochmals kleiner werden die Bikesharing-Systeme sein, die kommendes Jahr in Bern und Zürich ihren Betrieb aufnehmen.
Der Bikesharing-Fuhrpark in Bern soll 2400 Velos und insgesamt rund 200 Ausleihstationen umfassen. Das bedeutet dennoch, dass künftig alle 300 bis 400 Meter Leihvelos zur Verfügung stehen werden. Die Zürcher Pläne sehen ähnlich aus. Das dortige System soll dereinst 150 Stationen und etwas mehr als 2200 Leihbikes umfassen. Aufgebaut werden die Systeme in beiden Städten von Publibike, einer hundertprozentigen Tochter von Postauto Schweiz. Beiden Städten entstehen durch das Bikesharing praktisch keine Kosten, weil Publibike die Systeme auf eigene Rechnung betreiben wird.
Aus Sicht der zuständigen Berner Gemeinderätin Ursula Wyss stellt die Umsetzung des Veloverleihsystems «einen weiteren Schritt Richtung Velo-Hauptstadt» dar. Bern eröffne der Bevölkerung damit eine zusätzliche Option in ihrem Mobilitätsverhalten. Zudem biete das Verleihsystem auch sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeitslose. «Über zwei Jahre haben wir mit angezogener Handbremse gewartet.»
Bis Redaktionsschluss lagen weder in Bern noch in Zürich verbindliche Angaben zum Start der Verleihsysteme vor. An beiden Orten soll es laut Publibike aber im Mai 2018 mit ersten Stationen losgehen. 1200 «Velo Bern»-Räder sind dann an etwa 100 Ausleihstationen auf Stadtgebiet anzutreffen. In Zürich möchte Publibike mit 35 Stationen und rund 500 «Züri Velos» starten. Die Stadt Zürich möchte möglichst keine Parkplätze für «Züri Velo»-Stationen opfern. Gemäss Tiefbauvorsteher Leutenegger ist denkbar, dass einige der neu geplanten Veloabstellplätze an den Bahnhöfen für das Veloverleihsystem reserviert werden. Mit dem Start im nächsten Frühling verschwinden die bekannten Velos von «Züri rollt», einem Gratisangebot der Asylorganisation Zürich (AOZ). Deren Betriebskonzession läuft 2018 aus und wird wegen des neuen Angebots nicht erneuert.
Gleiche Velos, gleiche Tarife
In Bern und Zürich kommen dieselben Velomodelle mit Unisexrahmen und robusten, relativ breiten 20-Zoll-Laufrädern zum Einsatz. Bei der Hälfte der Leihvelos wird es sich um E-Bikes handeln. Das Ausleihen wird sich in Zürich und Bern gleich gestalten. Zugang zu den Bikes gibt es über eine Smartphone-App oder eine RFID-Karte wie den Swiss Pass. Das Tarifmodell ist identisch. Wie andernorts in Europa sind auch bei «Velo Bern» und «Züri Velo» die Preise so, dass sich eine Dauernutzung nicht lohnt. Da es auf den ganzen Stadtgebieten Ausleihstationen geben wird, muss man aber auch kaum länger als 30 Minuten am Stück mit einem Velo fahren. Praktisch für Pendlerinnen und Pendler: Ein «Züri Velo»-Abo wird auch in Bern gültig sein und umgekehrt.
Velojournal konnte in Zürich auf eine kurze Testfahrt mit einem elektrifizierten «Züri Velo» gehen. Dabei zeigte sich das Bike agil und bequem zu fahren. Der Elektromotor von GoSwiss-Drive unterstützte es bis 25 km/h und sorgte für eine flotte Beschleunigung. Damit unterscheiden sich die Leihvelos deutlich von den trägen und schweren Pendants, die man aus Paris oder London kennt.
Fabian Baumann
18.07.2017







