Erweiterte Mobilität

Ob in Paris, Barcelona oder Tel Aviv – Veloverleihsysteme boomen. Auch in der Schweiz wird das Angebot immer grösser. Seit diesem Jahr mischt zudem ein neuer Anbieter mit im Geschäft.

Fabian Baumann, Redaktor (fabian.baumann@velojournal.ch)
17.11.2011

In vielen Städten wird die Möglichkeit geschätzt, ein Fahrrad ausleihen zu können. Neben den bekannteren «Vélib» in Paris und «Bicing» in Barcelona besitzt beispielsweise auch Tel Aviv seit Mai 2011 mit «Tel O Fun» ein eigenes Veloverleih-system. Die lokale Bevölkerung, aber auch TouristInnen nutzen das Angebot. Auch in der Schweiz wurden in den letzten Jahren Verleihangebote aufgebaut. Sie unterscheiden sich jedoch in der Handhabe und im Preis.

So können Velos bei «Züri rollt» und den gleichnamigen Projekten in Bern, Lausanne, Neuchâtel, Genf und neun Walliser Orten gratis ausgeliehen werden. Lokale Partner und Sponsoren sowie die Beteiligung der Städte an den Projekten machen dies möglich. Daneben existieren verschiedene kostenpflichtige Systeme. Wer ein Fahrrad länger als eine oder zwei Stunden ­benutzen will, kann eines mieten. Der grösste Veloverleiher, Rent-a-Bike, bietet an 180 Ausleihstellen, darunter 80 Bahnhöfen, verschiedene Modelle an – vom Stadtvelo über Mountainbikes bis zu E-Bikes. Die Mietdauer variiert von einem halben Tag bis zu mehreren Wochen.

Ausleihen in Selbstbedienung

Neben den betreuten Ausleihstationen werden immer mehr automatisierte Sys­teme aufgebaut. In Lausanne, Freiburg, Neuchâtel, Genf, Yverdon, Lugano sowie im Wallis stellt «Velopass» Fahrräder bereit. Das Netzwerk umfasst 78 Stationen mit über 800 Rädern, die mittels einer RFID-Karte ausgeliehen werden können. Der Kunde identifiziert sich mit dieser Karte, und darüber wird auch abgerechnet. Die Stadt Biel hat mit «Velospot» ein weiteres System aufgebaut, das ebenfalls mit einer Chip-Karte funktioniert. Der Testbetrieb in diesem Jahr war erfolgreich. Ab nächstem Mai soll «Velospot» auf 40 Stationen mit rund 250 Velos erweitert werden. Zum Einsatz kommt ein Modell von Simpel.

In der Stadt und Region Luzern bestand mit «Nextbike» während zweier Jahre noch ein anderes Angebot. Rent-a-Bike brachte das aus Deutschland stammende System 2009 in die Schweiz und baute es im Pilotbetrieb auf 60 Standorte aus. Hier funktionierte die Ausleihe per Mobiltelefon oder SMS. Rent-a-Bike hat inzwischen aber beschlossen, «Nextbike» nicht weiterzuführen. Laut Stefan Maissen, Geschäftsführer von Rent-a-Bike, laufen derzeit Gespräche mit der Stadt Luzern und potenziellen lokalen Betreibern. Bis Ende November soll entschieden werden, ob «Nextbike» mit einem neuen Betreiber weitergeführt wird.

Rent-a-Bike will sich fortan ganz auf ein gemeinsames Bike-Sharing-System mit Postauto Schweiz und den SBB konzentrieren. «In dieser Kooperation sehen wir die beste Perspektive», so Maissen. Das gemeinsame Kind von Postauto Schweiz, SBB und Rent-a-Bike heisst «Publibike». Bike-Sharing soll auf städtischem Gebiet als Nahverkehrskonzept etabliert werden, so das Ziel. Postauto und die SBB sehen das Angebot als «Erschliessung der letzten Meile» und erweitern damit ihr Angebot. Die ganze Mobilitätspalette von Bahn und Bus über Mobility-Auto bis zum Velo soll damit abgedeckt werden. Mitte Oktober startete in Brig die erste öffentliche «Publibike»-Station. Zuvor wurde das System in Luzern mit Freiwilligen getes­tet. Die Station beim KKL in Luzern ging Anfang November in den «Normal-
betrieb» über.

Auch diese Ausleihe funktioniert mit einer Chip-Karte und rund um die Uhr. Für Kunden, die keine Abo-Karte besitzen, ist die Ausleihe vor Ort auch per Kreditkarte möglich. Laut René Böhlen, Mitglied der Geschäftsleitung der Postauto Schweiz AG, sind als nächste Stationen Delémont, Solothurn, Frauenfeld, Rapperswil und Kreuzlingen geplant. Auch wenn kein genaues Datum fest­stehe, sei es sehr wahrscheinlich, dass die «Publibike»-Station in Kreuzlingen noch diesen Spätherbst eröffnet werde.

Einheitliches System?

Wird der Wildwuchs an Verleihsystemen in der Schweiz damit noch grösser? Bereits existieren drei unterschiedliche Selbstbedienungssysteme. Um den Informationsaustausch unter den Anbietern zu fördern, gründeten Pro Velo und die Velokonferenz Schweiz die Koordina­tionsstelle «bikesharing». Sie fordert, dass alle Verleihsysteme untereinander kompatibel sein sollen. Für die Kunden hiesse dies: eine Karte, die in der ganzen Schweiz eingesetzt werden kann. «Mit ‹Publibike› streben wir ein einheitliches System an. Postauto Schweiz erachtet ein kompatibles System als wichtigen Erfolgsfaktor», sagt René Böhlen. Es gebe aber noch keinen konkreten Plan, wie diese technischen Abstimmungen erreicht werden können, da man sich vorerst auf die «Rollouts» der weiteren Stationen konzentriere. Da bleibt viel Arbeit für die Koordinationsstelle «bikesharing».

www.rentabike.ch, www.velopass.ch,
www.velospot.ch, www.publibike.ch

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