Erfolg über alles

Lance Armstrong hatte sein Krebsleiden besiegt und wurde zum erfolgreichstenTour-de-France-Rennfahrer der Geschichte. Eine Heldensaga, die sich als Geschichte vollerLügen herausstellen sollte. Eine Dokumentation rollt die Affäre auf.

Bruno Angeli, Autor (info@bruno-angeli.ch)
Film, 02.02.2015

In «The Armstrong Lie» wird der Regisseur Alex Gibney selbst zum Akteur. Er gesteht, wie er anfänglich dem «Mythos Armstrong» erlag. Obwohl von Berufs wegen skeptisch, war er von den Leistungen des Texaners beeindruckt und wurde zum Fan. Als das Filmprojekt im Herbst 2012 startete, versprach Lance Arm­strong Gibney, die ganze Wahrheit zu erzählen. Just zum selben Zeitpunkt gab Pat McQuaid, der Präsident des internationalen Radsportverbandes (UCI), an einer Pressekonferenz bekannt, dass Armstrong von nun an lebenslang wegen Dopings gesperrt sei und ihm die sieben Tour-de-France-Siege aberkannt würden. Er sagte wörtlich: «Lance Armstrong has no place in cycling.» Dieser Moment sowie das öffentliche Teilgeständnis, das Armstrong in der Talkshow von Oprah Winfrey im Januar 2013 machte, wurden in der Dokumentation festgehalten.

Lügen und EPO
Alle Facetten kann der Film nicht beleuchten. So bleibt offen, ob Armstrong 2009 gedopt war und wann er genau damit angefangen hat. Auf viele Fragen wird im aufschlussreichen Film jedoch eingegangen. Dabei kommen Zeitzeugen zu Wort. Etwa der Radsport-Journalist Bill Strickland von der Zeitschrift «Bicycling»: «Ab dem Zeitpunkt, als Arm­strong 1999 seine erste Tour de France gewann, war er zum letzten Mal ein normaler Radprofi. Von nun an war er eine Berühmtheit. Und diese Berühmtheit gab ihm enorme Macht.» Eine Schlüsselposition in Armstrongs Karriere spielte der Sportmediziner Michele Ferrari. Der «Dottore» kommt im Film selbst zu Wort. So sagt er etwa: «Anfänger und Ältere verwenden EPO bei Wett-
kämpfen.» Interessant sind Aussagen von ehemaligen Teamkollegen Arm­strongs. Einer davon ist George Hin­capie. Ferrari soll zu ihm gesagt haben, dass er dem Team bei allem, was die ­Mitglieder zu guten Radfahrern mache, helfen werde. Doping sei nur ein kleiner Teil davon gewesen, ergänzt Hincapie. Frankie Andreu, ein anderer ehemaliger Teamkollege, sagt: «Gewann Lance nach den damaligen ‹Strassenregeln›? Ja. Aber gewann Lance nach den Regeln? Nein. Er brach die Regeln. Nur weil jeder die Regeln bricht, ist es nicht o.k.»

Der Mythos Armstrong
Der Regisseur erklärt seine Motivation, einen Film über Lance Armstrong zu drehen, wie folgt: «2009 machte ich mich daran, Armstrongs Comeback filmisch festzuhalten. Ein umstrittener Rad- Champion wollte es noch mal allen zeigen, das versprach interessant zu werden. Dann kam der Dopingskandal, und ich musste den Film beiseitelegen. Als ich damit drei Jahre später weitermachte, stellte sich dieselbe quälende Frage wie 2009: Warum kam er zurück? Er hatte siebenmal die Tour de France gewonnen. Ich fragte mich, was ich 2009 erlebt hatte. Und was bedeutete das jetzt, da man die Wahrheit über Lance kannte? Bei der Arbeit am neuen Film schienen alle Strassen ins Gestern zu führen.»
Alex Gibney ist ein erfahrener Filmemacher, der sich gerne an heiklen Themen abarbeitet. Unter anderem war er als Regisseur und Produzent für die Dokumentarfilme «Warming by the Devil’s Fire» (2001), «The Soul of a Man» (2003) und «Lightning in a Bottle» (2003/2004) zuständig. Für «Enron: The Smartest Guys in the Room» wurde Gibney 2006 zum ersten Mal für einen Oscar nominiert. Für den Dokumentarfilm «Taxi to the Dark Side», in dem es um die Folter­methoden des US-Militärs in Afghanistan geht, bekam Gibney 2008 die begehrte Trophäe.
«The Armstrong Lie» ist ein sehenswerter Dokumentarfilm – und nicht nur für Sportfans. Denn es geht im Film nicht allein um Doping. Es geht um verratene Freundschaften, Betrug, Schweigen und Lügen, Macht und Machtmissbrauch.


Die DVD

«Die Armstrong-Lüge»
(Originaltitel: «The Armstrong Lie»)
USA 2013

Regie: Alex Gibney
Drehbuch: Alex Gibney, Peter Elkind
Personen: Lance Armstrong, Reed Albergotti, Betsy Andreu, Frankie Andreu, Johan Bruyneel, Daniel Coyle, Michele Ferrari, George Hincapie, Phil Liggett, Steve Madden, Bill Strickland, Jonathan Vaughters, Emile Vrijman, David Walsh, Oprah Winfrey

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