Ausserhalb seines näheren Umfelds wusste bis zuletzt kaum jemand, dass Michael Kutter todkrank war. Umso überraschender kam dann die Nachricht seiner Angehörigen. Am 21. April erlag der Basler Mobilitätspionier den Folgen eines Krebsleidens im Alter von 56 Jahren.
Michael Kutter war einer der frühen Wegbereiter von Elektro-Leichtfahrzeugen in Europa. Mitte der Achtzigerjahre gehörte er zu den Vätern des dreirädrigen Elektromobils Twike. Über dieses Hybridfahrzeug kam der Erfinder auch aufs Elektrovelo, wenn auch eher per Zufall. Wie Kutter erzählte, suchte er nach einer Lösung, um am Twike den Tretantrieb harmonisch mit der Kraft des Elektromotors zu verbinden. Er setzte dabei auf ein Planetengetriebe, das Muskel- und Motorenkraft auf dynamische Art zusammenführte: Je mehr der Fahrer in die Pedale tritt, desto mehr Unterstützung steuert der Hilfsantrieb bei. Der erste Prototyp wurde für Tests behelfsmässig in ein Velo eingebaut. Er funktionierte aber so überzeugend, dass Kutter damit die Mitbewerber an der Tour de Sol im Jahr 1990 regelrecht deklassierte.
Dieses Schlüsselerlebnis bewegte ihn dazu, seinen Antrieb in erster Linie für Velos weiterzuentwickeln. Damit läutete er die Geburt des Elektrovelos in Europa ein, so wie wir es heute kennen. Kutters Verdienst ist, dass er als Erster eine intelligente Motorensteuerung entwickelte, die den zusätzlichen Schub im Verhältnis zur Tretleistung einbringt.
Vorschriften und Förderung
Der kommerzielle Start erfolgte 1993, als die erste Kleinserie von 20 Elektrovelos unter dem Namen Velocity auf den Markt kam. Diese Fahrzeuge waren nicht nur die ersten modernen E-Bikes, sondern auch Wegbereiter für die schnelle Kategorie mit einer Unterstützungsleistung von mehr als 25 km/h. Kutter erhielt als Erster eine reguläre Strassenzulassung und leistete damit Vorarbeit für die bis heute sehr liberale Schweizer Gesetzgebung für Elektrovelos bis 45 km/h.
Daneben entwickelte Kutter den Antrieb ständig weiter und brachte zur Jahrtausendwende den «Dolphin» auf den Markt. Die spezielle Silhouette blieb dem Elektrovelo aus Basel seither erhalten, auch wenn die Technik mit jeder Serie weiter verfeinert wurde. Das neue Modell gewann verschiedene Leistungstests. Unvergessen bleibt, wie der mässig trainierte Moderator Ueli Schmetzer auf dem «Dolphin» bei einer Passfahrt vor laufender Kamera Fabian Cancellara abhängte.
Gleichwohl schaffte es Michael Kutter nicht, diese Erfolge und seine Pionierrolle in wirtschaftlichen Erfolg umzumünzen. Über die Jahre wurden zwar mehr als tausend Elektrovelos von «Dolphin» verkauft, doch konnte er den Schwung des wachsenden Marktes nicht auf das eigene Unternehmen übertragen. Manchmal stolperte Kutter über technische Probleme, welche die Auslieferung einer neuen Serie um mehr als ein Jahr verzögerten. Manchmal waren es seine Vorstellungen, die mit denen von Geschäftspartnern kollidierten.
Als Folge dieser wirtschaftlichen Rückschläge kündigte die Bank der Dolphin E-Bikes GmbH Anfang 2014 den Kredit, und die Elektrovelofirma musste Konkurs anmelden. Davon liess sich der E-Bike-Pionier im Glauben an seine Erfindung nicht beirren. Auch nach dem finanziellen Schiffbruch bot er den treuen «Dolphin»-Kunden technischen Support an und tüftelte an Verbesserungen seines einzigartigen Elektroveloantriebs. Daneben fand er immer wieder Zeit, sich zu weiteren Veloteilen Gedanken zu machen. Sein minimalistischer Leichtbau-Gepäckträger wurde an der vergangenen Eurobike noch mit einem Award ausgezeichnet. Wenige Tage vor seinem Tod stellte Michael Kutter Freunden noch das Muster eines neuen Akkus vor, der die bereits beachtliche Reichweite des «Dolphins» nochmals hätte steigern sollen. Selbst testen konnte er den neuen Stromspeicher aber nicht mehr. Neben der Erinnerung an Michael Kutter sollen auch seine Fahrzeuge weiterleben. Seine Angehörigen haben bereits angekündigt, dass sie an Zukunftslösungen arbeiten.
Urs Rosenbaum
19.05.2015







