Ennet dem Gotthard

Pro Velo Ticino zeigt anhand einer Projektskizze, mit welchen Massnahmen der Stellenwert des Fahrrads in der Südschweiz verbessert werden könnte. Dazu braucht es nicht nur Infrastruktur, sondern auch Kommunikation.

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Fabian Baumann
16.11.2015

Als Deutschschweizer verbindet man das Tessin mit den typischen Grotti in der Schweizer Sonnenstube, mit Tälern zum Wandern und Wäldern, in denen wir im Herbst Marroni sammeln. Ans Velo denkt man selten. Das mag auch mit dem Tessiner Alltag zu tun haben. Laut dem Mikrozensus Mobilität und Verkehr liegt der Veloanteil am Gesamtverkehr bei nur gerade 1,7 Prozent. In der Südschweiz wird also fast dreimal weniger Velo gefahren als im Landesdurchschnitt. «Wir haben noch etwas Verspätung», sagt denn auch Marco Tommasini, Sekretär der regionalen Pro Velo, im Gespräch mit Velojournal.

Ein vielversprechender Entwurf
Seit fünf Jahren ist Pro Velo aber daran, den Status quo zu ändern. Mit einer diesen Sommer ausgearbeiteten Projekt­skizze will der Verband zeigen, wie die Zweiradförderung vorangebracht werden kann. Den Anstoss zum Projekt gaben Florian Comment, der seit Kurzem im Vorstand sitzt, und Luca Vinci. Das Dokument ist als Geschenk und Arbeitsinstrument für die eigenen Mitglieder gedacht. Es enthält Ansätze, die helfen können, dem Fahrrad mehr Bedeutung im Verkehr zu geben. Dazu gehöre die Infrastruktur, aber auch das Vorzeigen, dass das Velo ein effizientes Fortbewegungsmittel sei, erläutert Marco Tommasini. Derzeit wird das Dokument überarbeitet. Die fertige Version soll vor Weihnachten an die Mitglieder verschickt werden. Ein Velojournal vorliegender Entwurf sieht vielversprechend aus. Im ersten Abschnitt widmet sich Pro Velo Tessin der Infrastruktur und zeigt sogenannte «Best Practices» auf: Velo­stationen an Bahnhöfen – von denen es im Tessin noch keine einzige gibt – oder die Möglichkeit, Einbahnstrassen in beide Richtungen für den Radverkehr zu öffnen. Daneben stehen aber auch weiche Massnahmen.
Ohne Umdenken bei der Wahl des Verkehrsmittels lässt sich der Zweiradanteil allerdings kaum steigern. Pro Velo belässt es darum nicht beim blossen Aufzeigen von Möglichkeiten, sondern hat in einer Agglomerationsgemeinde von Bellinzona selbst ermittelt, wie viel Zeitersparnis das Fahrrad auf bestimmten Strecken gegenüber dem Auto bietet. Das Resultat ist eine gute Argumentationsbasis, um selbst hartnäckigste Autobefürworter von den Vorteilen des Zweirads zu überzeugen. Und obwohl das Dokument primär für den internen Gebrauch gedacht ist, kann sich Pro Velo auch vorstellen, die Endversion interessierten Tessiner Gemeinden zur Verfügung zu stellen.

Auflisten und Auffrischen
Seit der Gründung von Pro Velo Ticino hat sich bereits einiges bewegt. So spüre man heute bei Kanton und Gemeinden zunehmend die Bereitschaft, die Anliegen der Radfahrenden zu berücksichtigen. «Allerdings gibt es in den Agglomerationen noch viel tun, um diese wirklich velofreundlich zu machen», schreibt der Verband in der Projektskizze. Es sei deshalb notwendig, dass die Behörden (Gemeinden, Kanton) Mobilitätspläne erstellen, die auch fixe Vorgaben zur Steigerung des Veloanteils vorsehen. Dabei schielen die Tessiner nach Basel oder Zürich, wo im Teilrichtplan respektive im Masterplan Velo entsprechende Ziele festgeschrieben sind.
Laut Pro Velo besteht in der Südschweiz noch Handlungsbedarf bei der Datenerhebung. Das zeigt sich darin, dass nicht klar ist, in welchem Umfang in den Agglomerationen überhaupt Velo gefahren wird. Hingegen ist bekannt, welche Stellen für Radfahrende Ärgernisse oder Gefahren darstellen. Auf ihrer Website listet Pro Velo seit fünf Jahren «kritische Punkte» auf. Die Bevölkerung trägt zur Sammlung bei, jede und jeder kann Probleme melden und sie auf einer Karte markieren. Auf die Liste angesprochen erklärt Marco Tommasini, dass die Informationen laufend an die Behörden weitergegeben werden. Gemeinden und Städte schätzten diese Dienstleistung. Denn so erfahren sie auf direktem Weg, wo im Strassennetz der Veloschuh drückt. Viele der Probleme bei «kritischen Punkten» seien in der Zwischenzeit behoben worden, weiss Tommasini. Weil das auf der Website aber nicht ersichtlich ist, soll diese im kommenden Frühling aufgefrischt werden.

www.proveloticino.ch

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