Er kommt mit dem Rennvelo angefahren, eine Tasche hat er nicht dabei, aber das Foto eines früheren Klassenlagers. 19 Schülerinnen und Schüler posieren auf dem Furka-Pass, den sie selber erklommen haben, viele von ihnen mit Klappervelos. Sie haben beim Aufstieg geflucht, geweint, gelitten. Aber sie haben es geschafft. Es ist eines von vielen Erlebnissen mit seinen Schülern, von denen Daniel Rumo erzählen kann.
Nicht das spektakulärste und bestimmt nicht das letzte: Auch dieses Jahr geht der 45-Jährige mit Teenagern der 9. Sekundarklasse auf eine Abenteuerreise, Diesmal in vertauschten Rollen mit dem Lehrerkollegen, der ihn immer begleitet hat auf den bisherigen Klassenlagern – nun assistiert Rumo ihm. Denn er selber unterrichtet zurzeit «nur» teilzeit, weil er an der Pädagogischen Hochschule Luzern «ein paar Fächer abrundet». Das hätte der Lehrer mit langjähriger Berufserfahrung zwar nicht unbedingt nötig, «aber so erlange ich den Master nach heutigem System. Und roste nicht ein.»
Daniel Rumo, der schon an vielen Triathlon-Wettkämpfen teilgenommen hat, unterrichtet in Littau, das seit 2009 zur Stadt Luzern gehört. Von seinen Schülern fahren die wenigsten Velo. «Im ganzen Schulhaus hat es etwa 220 Kinder und Jugendliche, im Velounterstand stehen aber selten mehr als sechs, sieben Räder. Manchen Schülern müssen wir zuerst zeigen, wie man schaltet. Ich lasse sie einen Parcours fahren, über Hindernisse, im Kreis, eine kleine Treppe hinab. Das ist auf die Dauer langweilig. Aber nach zwei Stunden sieht man, dass sie anders fahren – am Hang versuchen sie zum Beispiel nicht mehr, im höchsten Gang zu starten.»
Doppelt so weit
Das Technische ist das eine, die Fitness das andere. Auch sie fehlt bei den meisten. «Sie kennen ihre körperlichen Grenzen nicht. Bei einem 12-Minuten-Lauf klagen sie über Asthma, Knie- und Rückenschmerzen. Es ist normal, dass der Körper so reagiert, wenn man zum allerersten Mal zwölf Minuten rennt, der Atem und die Beine werden schwer. Aber für sie ist das gleichbedeutend mit krank, weil sie es nicht kennen. Ich will ihnen zeigen, dass sie dann, wenn sie das Gefühl haben, der Körper könne keinen Schritt mehr tun, noch einmal doppelt so weit kommen.»
Langsam und Ängstlich
Rumo erklimmt mit jeder Schulklasse einmal den Pilatus, jeweils im 7. Schuljahr. Sie gehen am Abend los und übernachten unterwegs, zum Sonnenaufgang sind sie auf dem Berg. So war es lange Zeit. Aber er bemerkte, dass die Schüler von Mal zu Mal eine Stunde länger brauchen für den Aufstieg. Die letzte Klase musste gar auf den Schlaf zwischendurch verzichten, um rechtzeitig für den Sonnenaufgang oben zu sein. «Die Kinder werden immer langsamer», sagt der Lehrer.
Und die Erwachsenen werden immer ängstlicher, so wie die Gesellschaft mit ihren Versicherungen und Anwälten. Wer mit seiner Klasse ein Abenteuer plant, baucht heute viel Energie, um die Erwachsenen zu überzeugen.
Rumo schaffte es bis anhin noch immer. Er hat mit den Schulreisen zu einer Zeit angefangen, in der die Ängste noch nicht so ausgeprägt waren. «Dadurch konnte ich Erfahrungen sammeln und eine innere Sicherheit erlangen, das hilft», sagt er. Und so flog die eine Klasse im Luftballon übers Land, die andere war mit Gleitschirm am Übungshang, dieses Jahr gleiten die Jugendlichen auf einem Airboard einen Teil der Einsiedler Sprungschanze hinunter. Seine Lager sollen unvergesslich sein, das ist der Anspruch des sportlichen Mannes aus dem freiburgischen Berggebiet. Und obwohl er die Jugendlichen immer wieder an ihre physischen Grenzen bringt und sie zwischenzeitlich wohl auch nicht gerade gut auf ihn zu sprechen sind, sagen ihm neue Schüler jeweils, der Bruder oder die Cousine habe erzählt … und ob er denn mit ihnen auch so eine Abenteuerwoche machen würde, mit Velo und anderem? Rumo dazu: «Sie wollen es eben selber erleben.»
Esther Banz
18.05.2016







