Eine Scheibe für Gümmeler

Derzeit wird heiss über den Einsatz von Scheibenbremsen bei Rennvelos diskutiert. Dabei sind sie bei den Mountainbikes längst zum bevorzugten Bremssystem geworden. Woher kommt die Zurückhaltung bei den Gümmelern?

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Marius Graber
21.03.2018

Die technischen Innovationen am Fahrrad wurden über eine lange Zeit vom Rennvelo vorangetrieben. So setzten sich Klickpedale dort zuerst durch, ebenso Aluminium und Carbon als Rahmenmaterial. Doch bei den Scheibenbremsen zeigen die Rennradler eine konservative Haltung, obwohl sich die Scheibenbremse nicht nur beim Mountainbike, sondern auch bei E-Bikes, Stadt- und Tourenvelos sowie verschiedenen Spezialrädern fest etabliert hat. Auch wenn die Bremskraft der Felgenbremsen nicht in der Kritik steht, sind deren Nachteile offensichtlich: Ausgerechnet bei Nässe lässt die Bremskraft deutlich nach. Dass beim Bremsen auf der Felge ein statisch tragendes Bauteil verschlissen wird, ist aus Sicherheitsüberlegungen zumindest kritisch. Bei langen Abfahrten kann die Felge beim Bremsen in Extremfällen so heiss werden, dass der Schlauch platzt.

Drei «Weiche» Faktoren
Aus technischer Sicht spricht fast alles für die Scheibenbremse: Sie benötigt geringere Handkräfte, ist feiner zu dosieren und bremst bei Nässe und Trockenheit gleichermassen gut. Ein praktischer Vorteil ist zudem, dass Scheibenbremsen das Volumen des Pneus nicht limitieren. Mit Scheibenbremsen können daher auch breitere Pneus oder solche mit gröberem Profil gefahren werden. Kommt hinzu, dass Scheibenbremsen inzwischen zuverlässig geworden sind, und nach anfänglichen Wirren scheinen sich auch sinnvolle Standards bei den Achsen für die Scheibenbremsräder und für die Aufnahme der Bremsen an Rahmen und Gabel durchzusetzen.
Drei weitere «weiche» Faktoren spielen mit: Rennräder mit Scheibenbremsen sind aufgrund des höheren Gewichts des Bremssystems an sich, aber auch wegen der dafür benötigten Naben, Bremsscheiben und Anpassungen am Rahmen 300 bis 400 Gramm schwerer als ein Renner mit Felgenbremsen. Und teurer. Das ist für viele RennradlerInnen, die seit Jahren nichts anderes im Kopf haben, als das Velo leichter zu machen, natürlich ein Paradox. Zudem kaufen Gümmeler gerne das, was die Profis auch fahren. Weil aber der Radsportverband UCI bei der Frage, ob Scheibenbremsen bei Rennen zugelassen werden sollen, lange laviert hat, sieht man die Scheibenbremsen noch selten an den Rennen. Und drittens ändert sich das Erscheinungsbild der Rennvelos mit den Scheibenbremsen, was für viele offenbar ein Grund ist, aus ästhetischen Gründen auf die bessere Bremstechnik zu verzichten. Derzeit können RennradlerInnen wählen, welches System sie an ihrem Gefährt wollen. Praktisch alle Rennvelohersteller haben Felgen- und Scheibenbremsmodelle im Angebot, oftmals gibt es das identische Modell mit beiden Bremstypen. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich die Scheibenbremsen auch beim Rennvelo zunehmend durchsetzen werden. Wer einmal längere Zeit mit Scheibenbremsen gefahren ist, möchte nicht mehr zurück, auch wenn er vorher mit der Felgenbremse durchaus zufrieden war.

Mechanisch oder hydraulisch?
Bei Scheibenbremsen unterscheidet man zwischen hydraulischen und mechanischen Systemen. Bei hydraulischen Scheibenbremsen wird die Betätigungskraft vom Bremshebel zur Bremse über eine Hydraulikleitung mit Öl übertragen. Die mechanische Scheibenbremse nutzt dafür den traditionellen Bowdenzug mit einem Stahlbremskabel. Die mechanischen Scheibenbremsen sind günstiger und für den Laien etwas einfacher zu warten. Die hydraulischen Scheibenbremsen brauchen weniger Handkraft, lassen sich besser dosieren und stellen den Belagverschleiss automatisch nach. Die Bremse muss also im Gebrauch nicht nachjustiert werden. Dafür benötigt die Wartung mehr Know-how. Unterwegs lässt sich die Hydraulik kaum mit Bordmitteln reparieren, falls mal etwas sein sollte.

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