Insgesamt bewerten Frauen und Männer die Themen Infrastruktur, Verkehrspolitik und Förderung des Veloverkehrs in den Schweizer Städten nahezu identisch. Doch einen feinen Unterschied gibt es: Männer schätzen ihre eigenen Fähigkeiten auf dem Velo höher ein, als dies Frauen tun. Entsprechend zeigten sich Frauen stärker sensibilisiert für Fragen zur Sicherheit. Während sich diese Tendenz bereits in der Online-Befragung akzentuierte, trat sie bei der vom Sozialforschungsinstitut GFS Bern im Auftrag von Pro Velo Schweiz durchgeführten Telefonbefragung noch etwas stärker zutage. Bei den Umfrageteilnehmerinnen ist die Furcht vor Unfällen und Stürzen ausgeprägter, sie äusserten sich weniger zufrieden mit den Verhältnissen für Velofahrende in ihrem Wohnort.
Männerbastion Verkehrsplanung
Die Angst vor Unfällen sowie das individuelle Sicherheitsempfinden halten vom Velo fahren ab. Mögliche Ursache ist, dass Verkehr vor allem von Männern für Männer geplant wird. Die Landschaftsplanerin Elke Szalai äusserte sich gegenüber einer österreichischen Zeitung wie folgt: «Die Mobilitätsansprüche von Frauen haben wenig Platz in der Verkehrsplanung, weil es zu wenig Frauen gibt, die in der Verkehrsforschung, der Verkehrsplanung in Politik und Verwaltung tätig sind.» Monika Hungerbühler von Pro Velo Zürich teilt die Einschätzung, dass Verkehrsplanung heute noch eine Männerbastion ist.
Der Fakt, dass Männer sich tendenziell sicherer fühlen und ihre eigenen Fähigkeiten höher ein- bzw. auch überschätzen, hat Einfluss darauf, wie Velowege und -routen geplant werden. Die Infrastruktur sei das eine, sagt Lisa Mazzone gegenüber Velojournal. Die Genfer Grossrätin und Koordinatorin bei der lokalen Pro Velo gibt zu bedenken, dass auch die Ausbildung eine Rolle spiele. So würden spezifische Fahrradkurse helfen, die Angst vor dem Verkehr ab- und mehr Selbstvertrauen auf dem Sattel aufzubauen.
Mehr Sicherheit für alle
Nicht nur Frauen würden von einer sichereren Veloinfrastruktur profitieren. So gaben auch ältere Personen in der «Prix Velostädte»-Umfrage und der Telefonbefragung vermehrt an, sich vor Unfällen zu fürchten. Diese Furcht ist auch einer der Hauptgründe, weshalb Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmer angaben, überhaupt nicht Rad zu fahren. Doch nur wer sich auf dem Fahrrad sicher fühlt, benutzt es auch im Alltag. Die Stadt Zürich, abgeschlagenes Schlusslicht der «Prix Velostädte»-Umfrage 2014, will mehr Menschen zum Radfahren animieren. Ihr Masterplan Velo enthält zahlreiche Ansätze, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Dabei spielt auch das subjektive Sicherheitsempfinden eine wichtige Rolle.
So hat die Stadt erkannt, dass sich insbesondere Personen, die nicht oder nur gelegentlich Velo fahren – immerhin rund zwei Drittel der Bevölkerung –, im Stadtverkehr unsicher fühlen. Während für Alltagsvelofahrinnen und -fahrer ein 1,5 Meter breiter Radstreifen ausreicht, um sich einigermassen sicher fortzubewegen, kommt die Mehrheit der Bevölkerung mit diesem Angebot nicht klar. Mit der Einrichtung von Komfortrouten möchte die Stadt Zürich erreichen, dass sich auch Gelegenheitsvelofahrende sicher im Verkehr fühlen. Entsprechend sollen die Strecken genügend breit und weitgehend frei von motorisiertem Verkehr sein.
Was in der Theorie gut klingt, erweist sich in der Praxis als schwierig. So hat der Zürcher Stadtrat diesen Sommer ein Projekt zur Umgestaltung einer Quartierstrasse zur fünf Meter breiten Komfortroute bachab geschickt. Dafür hätten Bäume gefällt und Parkfelder entfernt werden müssen, so die Begründung des Stadtrats. Zusammen mit Anwohnern hatte Pro Velo erfolglos eine Einwendung gegen die Streichung der Komfortroute gemacht. Die Stadt habe geantwortet, dass entweder Bäume oder Parkplätze der Komfortroute weichen müssten, jedoch nicht beides, betont Geschäftsführer Dave Durner. «Wo die Prioritäten von Pro Velo liegen, muss wohl nicht näher erwähnt werden. Bäume haben nicht die Angewohnheit, ihre Türen ohne Blick in den Rückspiegel zu öffnen», bringt er seinen Unmut auf den Punkt. Das Beispiel zeigt, wie hehre Ziele in der Umsetzung kläglich scheitern und damit letztlich die viel beschworenen breiten Schichten vom Velofahren abgehalten werden.







