Ein Jumper, der den Dirt nicht scheut

Robin Rungger verbringt jede freie Minute in einem Bikepark, fahrend und filmend. Es im Freestyle-Biken auf internationales Wettkampfniveau zu bringen, sei in der Schweiz wegen fehlender Infrastruktur aber schwierig.

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Esther Banz
Sport, 21.05.2014

Ausgerechnet an einem Regentag soll Robin Rungger seine Sprünge zeigen. Das dürfte schwierig werden, gibt der 14-Jährige zu bedenken. Nicht, dass er den Schlamm scheuen würde, der beim schutzblechfreien Downhill- und Dirtjump-Fah-ren auf speziell angelegten Waldstrecken alles von den Pedalen bis zur Stirn bedeckt. Aber nasses Holz ist gefährlich rutschig. Und eine Kurve, die zum Wasserbecken mutierte, ist auch nicht gerade ideal.

Er führt den Besuch dennoch zum «Büli Bike Park», der vor rund zehn Jahren von Mountainbike-Fans aus der Region in einem Wald angelegt wurde, unweit des Einfamilienhauses gelegen, in dem Robin mit Eltern und Bruder lebt. Quasi ein Vita Parcours für Mountainbiker sei diese Anlage, schreiben die Männer, die sich einst zu den «Büli Bike Tigers» zusammengefunden hatten. Robin Rungger ist nicht Mitglied, aber er zollt den Erwachsenen Respekt dafür, dass sie diesen Park erschaffen haben, den er selber nun fast täglich nutzt.

Vor einem Jahr hat der Schüler mit dem Biken angefangen. Als fast Einziger in seiner Klasse, aber die Popularität des jungen Radsports werde schon noch zunehmen, ist er überzeugt. Er vergleicht das Dirtbike-, Pumptrack- und Downhillfahren mit anderen Freestyle-Szenen: «Was im Schneesport die Halfpipe, ist bei uns der Bikepark. Und wie beim BMX spielen auch bei uns die Tricks eine grosse Rolle.» Überhaupt gebe es viele Ähnlichkeiten mit dem einiges älteren Bicycle Moto Cross (BMX).

Wo bleiben die Mädchen?

BMX sei immer noch populär, «aber nicht mein Weg», sagt der Schüler. «Ich bin mehr der, der auf dem 26-Zoll-Dirtbike fährt. Es ist eben auch Geschmackssache, was man machen möchte.» Und zudem eine Frage der gegebenen Infrastruktur, wie er zu bedenken gibt: «Mit dem BMX könnte ich hier unten im Bikepark nicht fahren. Hier habe ich einen Downhillpark, und in weniger als einer Stunde bin ich im Bikepark Sihlcity in Zürich – da ist es für mich besser und praktischer, ein Dirtbike zu fahren.»

Was die grosse Zürcher Anlage betrifft – sie ist vor einem Jahr eröffnet worden –, ist der Bülacher voll des Lobes: «Da sind drei Disziplinen auf einer Fläche zusammengenommen: eine BMX-Rennstrecke, Dirtjumps und Pumptrack. Das haben sie wirklich gut gemacht!» Man kenne sich unter den Dirtjump-Fahrern: «Das ist noch nicht so verbreitet wie das Scooter-Fahren. Wir sind erst wenige.» Und zur Altersspannbreite im jungen Sport sagt er: «Niemand über 30 fährt gut. Es gibt zwar Leute, die es versuchen, aber es ist ein Sport für Junge, wie alle Freestyle-Sportarten.» Mädchen habe es übrigens auch so gut wie keine.

«Ich könnte auch viel lernen, um aufs Gymi zu gehen, aber dort verdient man nichts. Und der Velosport ist teuer.»

Robin Rungger

Warum eigentlich? «Es ist eben eine Bubensache. Ich weiss auch nicht, weshalb es die Mädchen nicht interessiert.» Möglich, dass es an grossen Vorbildern fehlt, denn: «Ja», sagt Robin, «auch an den Wettkämpfen sind nur Männer vertreten, international.»
Wenn er mit seinen Kollegen im Bikepark Sihlcity ist, filmen sie sich gegenseitig. Mit seiner neuen Kamera mit Fischaugenoptik und dem Cam-Caddy werde er noch bessere Filme drehen können, die er selbstverständlich auch selber schneidet. Und was passiert damit? «Es gibt diese Website, pinkbike.com. Das ist wie ‹20 Minuten› für Velonachrichten. Dort kann man auch die eigenen Videos hochladen.»

In seiner Schule sind sie nur zwei, die ihre Freizeit in Bikeparks verbringen, und das «in jeder freien Minute, manchmal aber auch nur, weil mir sonst langweilig wäre. Profifahrer möchte ich nicht werden, nein.» Weshalb nicht? «Weil hier die Möglichkeiten fehlen, es so weit zu bringen. Es gibt beispielsweise mit einer oder zwei Ausnahmen keine Foam-Pits hierzulande.» Foam-Pits sind Becken voller Schaumstoffwürfel – die Freestyle-Biker brauchen sie, um Tricks zu lernen. Robin: «Du landest dort nach einem Sprung ohne Verletzungsgefahr. In England gibt es viele davon, sie haben auch grosse Hallen mit allem, mit Rampen mit weicher Landung zum Beispiel. Bei uns geht man halt das Risiko ein, sich mehrmals den Arm zu brechen, bevor man einen Sprung beherrscht.»

«Auf dem Gymi verdient man nichts»

In diesen Wochen muss Robin Rungger eine Lehrstelle finden – die er dann nach den Sommerferien 2015 antreten wird. Noch weiss er nicht, was er überhaupt arbeiten möchte. «Ich könnte auch viel lernen, um aufs Gymi zu gehen, aber dort verdient man nichts. Und der Velosport ist teuer.» Er rechnet vor, was alleine ein Downhillbike kosten würde. Um die 5000 Franken, «wenn nicht noch mehr».

Ein richtiger Biker besitze min­destens drei verschiedene Räder für unterschiedliche Zwecke. Vor einem Jahr konnte er sich das Dirtbike leisten. Auch ein Cross-Country-Velo fährt er. Und wer jetzt reklamiert, dass alle diese Namen Englisch sind, dem sagt Robin ganz entspannt: «In der Bike-Szene ist alles in Englisch. Das ist kein Problem, so lernt man die Sprache.» Und dann vertröstet er uns: «Definitiv keine Jumps heute, sorry.»

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