So sollte es immer sein. Von Kriens her kommend, geht es mit Schwung auf der Taubenhausstrasse in Richtung Luzern. Die Strasse mit den grossen, gelben Fahrradsymbolen hat ein leichtes Gefälle. So kommt man mühelos und in flottem Tempo voran. Für Autos gilt Tempo 30. Sie überholen uns deshalb nicht mit hoher Geschwindigkeit. Die Fahrt in die Stadt geht fix. Nach knapp zwei Kilometern ist der Traum allerdings schon vorbei. Wir fädeln uns wieder in den normalen Verkehr ein. Rechtsvortritt, schmale Radwege, Autos und Ampeln dominieren. Doch für ein paar Minuten wähnte sich der Velofahrer im fernen Kopenhagen.
Mehr Velo geht nicht. Das gelbe Signet sagt, wer auf dieser Strasse Vortritt hat.
Pilotprojekte in sechs Städten
Luzern nimmt mit dieser Velostrasse an einem Pilotprojekt des Bundesamtes für Strassen (Astra) teil. Auch La Chaux-de-Fonds, Basel, Bern, St. Gallen und Zürich machen mit. Das Ziel: herauszufinden, ob die Einführung speziell signalisierter Velostrassen auch in der Schweiz sinnvoll ist. Hier haben Fahrzeuge gegenüber Seitenstrassen Vortritt, auch dann, wenn an einer Kreuzung ein Auto von rechts kommt. Nur die Fussgänger am Zebrastreifen haben Priorität. Und: Nebeneinander zu fahren, ist – im Gegensatz zur Regelung auf normalen Strassen – ausdrücklich erlaubt. Das ist gemäss Art. 43 Abs. 1 der gültigen Verkehrsregelnverordnung auf signalisierten Velorouten auf Nebenstrassen aber auch sonst gestattet.
Zu zweit macht Velofahren doppelt Spass. Umso besser, wenn das Nebeneinanderfahren erlaubt ist.
Als Pilotstrassen dienen in den verschiedenen Städten Abschnitte mit Tempo 30, die Teil der Veloroutennetze und gut frequentiert sind. Einfach gelbe Fahrradsymbole auf den Asphalt zu pinseln und eine Strecke «Velostrasse» zu nennen, geht allerdings noch nicht. Für eine breite Einführung braucht es rechtliche Anpassungen. Im September 2017 will das Astra die Erfahrungen der Versuchsstädte auswerten. Im Fokus stehen dabei Qualität und Komfort für den Veloverkehr sowie die Akzeptanz der neuen Strecken.
Kurze Kontroverse in Luzern
Der Start des Pilotprojekts warf in Luzern zunächst hohe Wellen. In den sozialen Netzwerken waren teilweise gehässige Kommentare zum neuen Regime zu lesen. Inzwischen scheinen sich die Wogen wieder geglättet zu haben. «Wenn wir Velomassnahmen umsetzen, gibt es immer ein paar Beschwerden», sagt Martin Urwyler, der Projektleiter Mobilität der Stadt Luzern. Die positiven Reaktionen würden aber überwiegen. «Die Velostrasse funktioniert», stellt Urwyler fest. Und sie werde auch sehr gut angenommen. Ein paar Autofahrerinnen und -fahrer, die regelmässig dort durchfahren, müssten sich zwar noch an die neue Signalisation und den Wegfall des Rechtsvortritts gewöhnen. Das brauche einfach etwas Zeit.
Unterwegs auf der Luzerner Velostrasse bestätigt sich die Einschätzung des Projektleiters. Mit dem Velojournal-Redaktor radeln zahlreiche andere Personen. Die Fahrräder sind klar in der Mehrheit. Der Veloanteil am Gesamtverkehr lag auf diesem Streckenabschnitt – einer beliebten Verbindung von Kriens in Richtung Emmen – schon früher bei mehr als 50 Prozent. Vielleicht sind sich die Autofahrerinnen und -fahrer deshalb auch gewohnt, auf Fahrräder zu achten. Kritische Situationen mit von rechts kommenden Automobilisten, die sich im Vortritt wähnen, gab es während des paarmal Hin- und Zurückfahrens keine. Einzig ein in zweiter Reihe parkendes Taxi störte die freie Fahrt. Das Fazit: Die Schweiz braucht mehr Velostrassen.
Diese Velostrassen sind geplant
In sechs Städten sind bis jetzt Velostrassen geplant. Ein Teil der Projekte ist bereits bekannt:
In Basel sind das der St.-Alban-Rheinweg zwischen dem Mühleberg und der Farnsburgerstrasse sowie die Mülhauserstrasse zwischen dem Kannenfeldplatz und der Elsässerstrasse. In Bern wurden je eine Strecke im Länggass- und Breitenrainquartier zu temporären Velostrassen. In Zürich soll der Testbetrieb im Herbst auf einem Teil der Scheuchzerstrasse durchgeführt werden. In St. Gallen soll die Lindenstrasse, die vom Kantonsspital bis an den östlichen Stadtrand führt, entsprechend signalisiert werden. In Luzern wurden die Taubenhaus- und die Bruchstrasse Anfang August als Velostrasse signalisiert.







