Das Velo ist im Aufwind. Festivals, die eine urbane Velokultur zelebrieren, erfreuen sich von Berlin bis Zürich grosser Beliebtheit. Und auch die Politik scheint gegenwärtig aufs Zweirad zu setzen. Derzeit gibt es unter anderem in Bern und Zürich hochfliegende Pläne, den Fahrradverkehr zu fördern. Sie tragen die Namen «Velo-Offensive» (Bern) und «Masterplan Velo». Beide wollen den Veloanteil in der Stadt markant steigern. Bern strebt einen Veloanteil von einem Fünftel am Gesamtverkehr bis im Jahr 2030 an. Zürich plant eine Verdoppelung bis 2025, was einem Fahrradanteil am Gesamtverkehr von rund 12 Prozent entspricht.
Die Pläne sind das eine, ihre Umsetzung das andere. Das zeigt das aktuelle Beispiel aus Zürich. Der Masterplan – bei seiner Präsentation 2012 von Velojournal als «Quantensprung» gelobt – droht gemäss Pro Velo Kanton Zürich zu scheitern. Zumindest, wenn es der Zweiradlobby nicht gelingt, den Druck auf die zuständigen städtischen Stellen hochzuhalten. Dave Durner, Geschäftsführer von Pro Velo Zürich, sagt: «Soll der Fahrradverkehr in Zürich wirklich markant gesteigert werden, muss mehr geschehen. Und das mit höherem Tempo.» Vom derzeitigen Umsetzungsstand des Masterplans sei er enttäuscht. «Wir spüren Unwillen, vorwärtszumachen.» Ohne Druck der Velolobby passiere bei der Stadt gar nichts. Seinen Unmut hat Durner unlängst nicht nur im persönlichen Austausch mit der Stadt, sondern auch öffentlich kundgetan. Ende März liess er sich im «Tages-Anzeiger» mit der Aussage zitieren, dass der Masterplan genauso gut auf Toilettenpapier hätte gedruckt werden können. Die Stadt sei unwillig und unfähig, die darin beschlossenen Massnahmen umzusetzen.
Aussage mit Wirkung
Die Worte wurden gehört. Keine Viertelstunde nachdem der Artikel online gestellt worden war, klingelte sein Telefon, schildert Dave Durner. Am anderen Ende der Leitung: Stadtrat Filippo Leutenegger. «Er war not amused», merkt Durner nonchalant an. Der Zürcher Tiefbauvorsteher habe ihn umgehend zu einem persönlichen Gespräch eingeladen. «Vielleicht aber auch vorgeladen, ich bin mir da nicht ganz sicher.» Das Gespräch sei gut verlaufen. In einer Präsentation nannte er dem Tiefbauvorsteher zehn aktuelle Beispiele des laufenden Jahres, die nicht den Vorstellungen von Pro Velo entsprechen.
Von einer Verstimmung nichts wissen will dagegen Filippo Leutenegger. Er führe mit der Velolobby seit Langem eine konstruktive Diskussion, sagt er gegenüber Velojournal. Darum störe ihn auch Durners Kritik nicht. Von einer «Vorladung» könne deshalb auch nicht die Rede sein. «Gleich nach meinem Amtsantritt habe ich regelmässige Gespräche mit Pro Velo angesetzt, die wir jetzt durchführen. Neulich haben wir über den Velotunnel unter dem Hauptbahnhof diskutiert und dabei auch andere Themen besprochen», so Stadtrat Leutenegger.
Städter wollen mehr Velo
Dave Durner und Filippo Leutenegger beherrschen beide das Handwerk der Kommunikation. Der Stadtrat richtete sich Mitte April in einer «Tagblatt»-Kolumne direkt an den Pro-Velo-Vertreter, um den Vorwurf der Untätigkeit zu kontern. Und er warf dem Velolobbyisten vor, alles durch die ideologische Brille und das Fahrrad als Heilsbringer zu betrachten. «Auch das Auto gehört zur Stadt», stellt der Stadtrat dort fest.
Den Autoverkehr zu reduzieren, sei kein ideologisches Ziel, sondern ein Auftrag einer Mehrheit der Zürcher Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, entgegnet Dave Durner. Und ergänzt: «Filippo Leutenegger foutiert sich um den Volkswillen.» Das Stimmvolk habe sich in den letzten dreissig Jahren wiederholt für mehr Veloförderung auf Stadtgebiet ausgesprochen. Zuletzt im Juni 2015, indem sowohl die Veloinitiative der Jungen Grünen als auch der städtische Gegenvorschlag gutgeheissen wurden. In der Stichfrage gab es dann mehr Zustimmung für den Gegenvorschlag. «Aber in keiner Abstimmung wurde Ja zu mehr Autos in der Stadt gesagt», so Durner weiter. Wenn der Veloverkehr 2025 tatsächlich doppelt so hoch sein werde wie heute, liege es beim gegenwärtigen Stand der Dinge sicher nicht am Masterplan Velo. Pro Velo will sich darum weiterhin für den Masterplan einsetzen, damit dieser nicht zu Makulatur wird.
www.provelozuerich.ch
Fabian Baumann
18.05.2016







