Drei Länder, ein Ziel

Auf der Euro-Tandem-Tour gehen Normalsehende und Menschen mit Sehbehinderungen seit fast zwanzig Jahren zusammen auf grosse Fahrt. Der Tandemtross macht dieses Jahr auch in der Schweiz halt.

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Uta Buhl
18.05.2016

Die Euro-Tandem-Tour ist eine Velotour der besonderen Art. Denn sie ist speziell auf blinde und sehbehinderte Teilnehmer ausgerichtet. Die Idee dahinter ist einfach: Menschen mit Sehbeeinträchtigung für einige Tage die Möglichkeit zu bieten, sich in freier Natur sportlich zu betätigen. Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren ehemals leidenschaftliche Radfahrer. Doch heute können sie nicht mehr so einfach in die Pedale treten. Auf der Tandem-Tour nehmen sie die Herausforderung an, eine vorgegebene Strecke bis zum Ende abzustrampeln.
In der Vergangenheit der Tour, die diesen Sommer bereits zum elften Mal stattfindet, gab es unterschiedlich lange Routen. Die kürzeste mass 700 Kilometer, die längste (Berlin–London) stolze 1620 Kilometer. Eine Reise war jedoch besonders herausragend. Sie führte von Mainz bis Rom, wo die ganze Equipe sogar vom Papst empfangen wurde.
Der Tandemtross will während der Fahrt aber auch auf die Beeinträchtigungen, die eine schwere Augenkrankheit mit sich bringt, aufmerksam machen. Vertreter von Selbsthilfeorganisationen und dem OK-Team beantworten an einzelnen Stationen Fragen. Dabei geht es natürlich auch darum, wie und in welcher Form gesunde Menschen helfen und wie gleichzeitig die unermüdlichen und notwendigen Forschungsarbeiten an Kliniken, Universitäten und Labors weitergeführt und unterstützt werden können.

Aus persönlicher Betroffenheit
Initiator der Tandem-Tour ist Horst Schwerger. 1963 wurde bei ihm die Diagnose Retinitis pigmentosa (RP) gestellt. Deren Folge ist ein unaufhaltsam fortschreitender Verlust des Sehvermögens, der meist bis zur völligen Erblindung führt. Anfangs ignorierte Schwerger seine Krankheit. Doch schon bald folgte die Erkenntnis, dass er die Sehbehinderung in seinen Alltag integrieren muss. Autofahren stand nicht mehr auf dem Programm. Auch die Führung seines Bauunternehmens musste er abgeben und eine neue Lebensform finden. Schwerger entschied sich für den Verkauf seines Unternehmens und gründete eine Stiftung. Die HEM-Schwerger-Stiftung konzentriert sich auf die Unterstützung von Forschungsarbeiten im Bereich Netzhautdegenerationen. Daneben unterstützt sie auch regionale Schul- und Sportprojekte. In den Neunzigerjahren traf Schwerger den Retina-France-Geschäftsführer, der ihm seine Frankreich-Tandem-Touren vorstellte. Beeindruckt entschied sich Horst Schwerger, diese Idee auch in Deutschland zu realisieren. Die erste Euro-Tandem-Tour 1998 organisierte er von Berlin via Köln nach Mainz. Die gemeinsame Ausfahrt stiess auf viel Begeisterung und Akzeptanz, weshalb sie in der Folge im Zweijahresturnus wiederholt wurde.

Gemeinsam eigenständig sein
Dieses Jahr macht die Tour auch in der Schweiz halt. Gestartet wird in Tübingen. Rund zwanzig Tandems werden via Offenburg und Colmar in Basel Station machen. Von da aus geht es über Schaffhausen weiter nach Bregenz und zuletzt nach Esslingen, wo die Tour nach 1010 km endet. Eine reife Leistung!
Das Motto lautet «gemeinsam eigenständig sein». Die Planung ist aufwendig. Die Route wird abgefahren, Hotelzimmer und Verpflegung werden organisiert. Und vor allem müssen die Betreuer und Begleiter gefunden werden. Was die Organisation bei der Planung aber jedes Mal aufs Neue freut, ist die Bereitschaft vieler Mitmenschen, eine solche Tour zu begleiten und dafür ihre Ferien zu opfern. Und dass die diesjährige Tour gar unter der Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments radeln wird, ist für alle Beteiligten eine besondere Motivation.  

Programm

Mi., 31.8., Basel: Ankunft gegen 15 Uhr in der Jugendherberge St. Alban-Kirchrain.
Do., 1.9.: Abfahrt kurz vor 8 Uhr. Ankunft zirka 16.45 Uhr in Schaffhausen, Kronenhof.
Fr., 2.9.: Abfahrt in Schaffhausen kurz vor 8 Uhr.
An den Ankunftstagen in Basel und Schaffhausen organisiert Retina Suisse jeweils eine Informationsveranstaltung. www.retina.ch
Tandem-PilotInnen gesucht:
Interessierte melden sich bei www.hem-stiftung.de, www.tandem-pro-retina.de

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