Lieber Dr. V. Love
Als echter Grüner fühle ich mich heute oft als «Fundi». Dabei gehörte ich einst zu den «Realos»: Birkenstock trug ich nicht, die Kupfer-Wolle-Bast-Fraktion verzieh mir nie, dass ich zuweilen auch das Auto benutzte. Heute reibe ich mir die Augen: Grün sind alle und alles, dazu auch noch liberal. Man fährt Elektrovelo und fliegt in die Ferien – mit Klimakompensation. Das hat doch nichts mehr mit den grünen Ursprüngen zu tun. Was ist das für eine «grüne» Generation, die hier auf die Bühne tritt?
Urs K., Herblingen
Lieber Herr Kronenberg
Die neuen Grünen wollen alles, sie sind ideologisch nicht vorbelastet und denken pragmatisch. Politische Diskussionen finden sie «laaangweilig» und Moralapostel unausstehlich. Die neuen Grünen sind Naturfans. Allerdings vor allem dann, wenn die Natur gut gestylt und im richtigen Preis-Leistungs-Verhältnis daherkommt. Kurz gesagt: Schlamm und Hagel sind «out», Bergseen und saftige Wiesen «in».
Die Diskussion um den Klimawandel finden diese Grünen durchaus wichtig – solange sie nicht zu lange dauert. Coole Lösungen wie Klimakompensation oder E-Bikes sind «in», wirklich Verhaltensänderungen hingegen «out». Denn das wäre viel zu anstrengend, und es bleibt die nagende Ungewissheit, ob es für unseren Planeten nicht eh schon zu spät ist.
Als pragmatische Denker setzen sich die neuen Grünen deshalb auch mit Alternativen auseinander. Vielversprechend erscheint eine Lösung, die im Rahmen der Weltausstellung in Shanghai im Schweizer Pavillon getestet wird: Aus Spritzbeton fertigte Holcim da zwei schöne Kuppeln, auf denen eine Bergwiese gepflanzt wurde, zu der ein Sessellift hinaufführt. Bildschirme zeigen einen dreidimensionalen Landschaftshintergrund, aus Boxen erschallt Kuhgebimmel. Die Chinesen stehen Schlange.
Das zeigt den neuen Trend: Wir schaffen die echte Natur ab, erbauen sie mit technischen Mitteln neu – perfekter, mit weniger Mücken, Schlamm und Brennnesseln. Dafür umso schöner und ohne unkalkulierbare Nebenkosten, ohne Allergien, Umweltkatastrophen und vor allem ohne die endlos langweiligen politischen Diskussionen und Konferenzen zu Umweltthemen. Alle Probleme sind dann mit einem Schlag verschwunden. Was will man mehr?
Ergebenst,
Ihr Dr. V. Love
Ihre Fragen an: dr.v.love@velojournal.ch







