Geschätzter Dr. V. Love
Unsere Familie schmiedet Sommerferienpläne. Wir wollen die deutsche Ostseeküste entlangradeln. Leider sind wir uneins darüber, wie wir in den Norden gelangen sollen. Mein Mann hat wenig Ferien und möchte darum mindestens bis Hamburg fliegen, den Kindern gefällt der Nachtzug, und ich bevorzuge die Reiseart, welche die Familienkasse am meisten schont. Wofür sollen wir uns entscheiden?
Ursula Anderegg, Sumiswald
Liebe Frau Anderegg
Innerfamiliäre Konsensfindung ist schwieriger geworden, seit niemand mehr ein Machtwort sprechen will/darf/kann. Und das ist gut so. Es bereitet den Nachwuchs darauf vor, dass wir in unseren flexibilisierten Leben jeden Moment als multioptional wahrzunehmen haben. Doch zurück zum Problem. Nehmen Sie den Terminus «Individualverkehr» einmal auf etwas andere Art wörtlich: Setzen Sie Ihren gestressten Gatten ins Flugzeug, lassen Sie die Kinder den Nachtzug nach Hamburg nehmen – und bleiben Sie: zu Hause (billig). Dort öffnen Sie einen schön gekühlten deutschen Riesling, einen Escherndorfer Lump oder gar einen Graachener Himmelreich (erfrischend), tänzeln tiefenentspannt zu «We Are Family» oder «Family Affair» mit dem Weissweinglas in Händen durch die angenehm leere Sommerwohnung – und freuen sich. Ihr Nachwuchs? Wird nach seinen Ferien einiges zu erzählen haben über verpasste DB-Anschlüsse, spontane Wiederaufbauhilfe in jenen Hamburger Quartieren, die aufgrund von Kollateralschäden des G-20-Gipfels in Schutt und Asche gelegt wurden, und erste Kifferfahrungen im Schanzenviertel. Und Ihr wundervoller Ehegatte? Geniesst es, in einem Rostocker Hotel, wie damals als Student, jeden Tag fünf Stunden Tour de France am TV zu verfolgen. Als guter Multitasker schafft er es gleichzeitig, am Laptop alle Büropendenzen abzuarbeiten – mit dem Resultat, dass er nochmals eine Woche freikriegt: perfekt also, um sich mit Ihnen, die mittlerweile per Autostopp von Sumiswald bis Rostock trampt, zu treffen und mit Mietvelos der Ostseeküste entlang Richtung Stralsund zu pedalen.
And the living is easy!
Cheerio, Dr. Love
Ihre Fragen an: dr.v.love@velojournal.ch
Dr. V. Love,
Velosoph
(dr.v.love@velojournal.ch)
VLove,
18.07.2017







