Velos in der Werbung

Autos gelten als schnell, Velos als langsam – zumindest in der Werbung. In der Realität sieht es jedoch anders aus.

Dr. V. Love, Velosoph (dr.v.love@velojournal.ch)
VLove, 19.07.2016

Geschätzter Dr. V. Love
Kürzlich habe ich verschiedene Handy- Abos miteinander verglichen. Ich suche eins, um mit meinem Telefon im Internet zu surfen. Dabei ist ja die Geschwindigkeit wichtig. Doch genau hier wurde ich stutzig: Swisscom vergleicht das langsame Surftempo des günstigen Abos mit einem Velo, jenes des teuren Abos, das schnelles Surfen verspricht, mit einem Auto. Nun dachte ich immer, es sei genau umgekehrt. Schliesslich fahre ich jeden Tag mit meinem Velo am Stau vorbei. Mit dem Velo bin ich also schnell. Oder spielt mir meine Wahrnehmung einen Streich?
Sebastian Urf, Frenkendorf

Geschätzter Herr Urf
Werbung muss ja nicht zwingend die Wahrheit abbilden. Sie gaukelt uns vor, dass Carlos Leal ein Aquarium voll Wodka Orange in einem Röhrlizug leertrinkt, oder behauptet – Meisterstück des Illusionismus! –, dass George Clooney auf Nespresso abfährt. Ich muss das hier nicht weiter vertiefen. Unser Swisscom-Grafiker hat sich beim Piktogramm-Erfinden offensichtlich an seine «Faszination Technik»-Bücher von einst im Kinderzimmer erinnert – immerhin wählt er für die allerschnellsten Hispeed-Abos im Angebot ein Raketensymbol.
Er wühlt im Bildervorrat einer Zeit, als Fortschrittsglaube sich mit crazy Technologien, Weltraumprojekten und Ähnlichem verband. «Damals» war die Zukunft ein schöner und aufregender Ort. In der Werbung (und Politik) arbeitet man bis heute gern mit dieser nostalgischen Bilderwelt; sie löst Emotionen aus: Ein Hoch auf den Verbrennungsmotor! Freie Fahrt für freie Bürger! So mancher Autopendler in den verstopften Stras­sen der Innenstädte träumt 2016 insgeheim davon, dass es am nächsten Tag wieder so einfach ist wie 1971. Und sieht sich gleichzeitig umschwirrt von smarten Velofahrern wie Ihnen, Herr Urf. Das frustriert den Autopendler so, dass er Carlos Leal am liebsten beim Aquariumleeren helfen würde. Und drum wählt der pendelnde Autounmobilist weder das Swisscom-Abo mit dem Velo-Icon (Neid) noch jenes mit dem Auto (Alltagstris­tesse), sondern träumt sich mit einem as­tronomisch teuren Hispeed-Raketen-Abo ins Weltall fort. Swisscom reibt sich die Hände (Profit). Der Autopendler spielt in der Realität an seinem Smartphone rum, während er wartet, bis die Kolonne zum nächsten Rotlicht weiterzuckelt (Ersatzbefriedigung).
Derweil Sie als wahrer Glückspilz auf ihrem Radl easy an allem vorbeicruisen. So was wollten Sie doch hören? Dacht ichs mir.

Keine Ursache, Ihr Dr. Love

 
Ihre Fragen an: dr.v.love@velojournal.ch

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