Lieber Dr. V. Love
Wir sind eine Gruppe von RadlerInnen, die seit dreissig Jahren jährlich eine gemeinsame Velotour unternimmt. Wir rasen nicht mehr, sondern nehmen es eher gemütlich. Trotzdem passierte dieses Jahr zum ersten Mal ein Unfall, der zum Glück glimpflich verlief. Wir fuhren in lockerer Formation dem Rhein entlang, als es plötzlich wärmer wurde. Um meine Jacke ausziehen zu können, bremste ich, ohne zu wissen, dass eine Mitfahrerin so nahe hinter mir fuhr, dass sie nicht mehr bremsen konnte und in mich hineinfuhr. Die Kollegin stürzte und meinte, dass ich ihr unbedingt hätte sagen müssen, dass ich bremsen würde, weil wir in einer Gruppe fahren. Ich meinerseits meinte, sie hätte mir sagen müssen, dass sie so nahe hinter mir fuhr. Wer hat Recht?
Linda S. aus G.
Sehr geehrte Frau Susenstein
Ja, die Physik. Jahrzehntelang nehmen wir sie nur als abstrakt, theoretisch und langweilig wahr – bis sie uns unvermittelt eins über die Rübe zieht oder wir auf die Nase fallen.
Wer ihre Gesetze nicht respektiert, lernt es auf die harte Art: Reaktionszeit und Bremsweg ergeben immer erst zusammen den Anhalteweg. Sie haben nun selbst erlebt, wie sich die Gleichung mit zunehmendem Alter zu Ihren Ungunsten verschiebt. Gerade ambitionierte, aber ungeübte «50 Plus»-Radfahrer sollten sich merken: Windschattenfahren will gelernt sein. Die Reaktionszeit wird altersbedingt länger, während der Sog des Windschattens sie verkürzt. Deshalb: Abstand halten und keine Kleiderwechsel auf offener Strecke!
Sie und Ihre Kollegin müssen jetzt einen Weg finden, das gegenseitige Vertrauen wiederherzustellen und das Gesicht zu wahren. Gehen Sie die Touren in Zukunft gemächlicher an, und erfinden Sie eine gute Geschichte über die Schrammen im Gesicht Ihrer Kollegin. Am besten, Sie geben einem rücksichtslosen Töfffahrer die Schuld, der sie nach dem Sturz auch noch auslachte und dann in einer Abgaswolke stehenliess. So sind die Feindbilder wiederhergestellt, und die Welt ist wieder in Ordnung.
Ihr Dr. V. Love
Ihre Fragen an: dr.v.love@velojournal.ch
Dr. V. Love,
Velosoph
(dr.v.love@velojournal.ch)
VLove,
14.07.2015







