Diesen Frühling möchte ich mir ein neues Velo kaufen. Ich habe bereits allerlei Angebote geprüft und Kataloge beim lokalen Velohändler meines Vertrauens gewälzt. Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses hat mich nun jedoch verwirrt. Einerseits kümmert sich mein Mechaniker seit Jahren um meine Velos, anderseits sind die Preise in Deutschland sehr verlockend. 20 Prozent Rabatt, eine stolze Zahl! Was soll ich bloss tun?
B. Nauser, Boppelsen
Sehr geehrter Herr Banauser
Geht es nach der gegenwärtigen Debatte in den Boulevardmedien, ist die Frage klar: «Sind Sie ein Landesverräter?» Diese Frage zu beantworten, ist im aktuellen Klima nicht ganz einfach – auch wenn Sie nicht in der Armee dienen, keine Staatsgeheimnisse ausplaudern und lediglich mit ihren immer wertvolleren Schweizerfranken desertieren. In der heutigen Welt sind Kirche, Armee und Politik leider nicht mehr das, was sie einmal waren. Den Patriotismus haben wir deshalb vernünftigerweise auf den Konsum und die Produktion begrenzt: Einkaufen in der Heimat als Bürgerpflicht.
Ihr Velo sollte deshalb nicht nur von einem Schweizer Händler kommen, sondern auch von einer Schweizer Marke, mit Teilen, die in der Schweiz aus (nachhaltigen) Schweizer Rohstoffen hergestellt wurden. Zugegeben nicht ganz einfach. Doch in einer konsequenten Betrachtung ist auch der Schweizer Velohändler, der mit importierten Velos «heimisches Schaffen» (in den Worten von Ständerat Thomas Minder) verdrängt, statt sie selbst herzustellen, ein Landesverräter. Da muss man höllisch aufpassen, nicht unvermittelt zum Kollaborateur zu werden.
Eine Lösung für das Problem gibt es bis zur Wiedergeburt der Schweizer Veloindustrie und der Entdeckung grosser Aluminium- und Carbonvorkommen für die Komponentenproduktion in den Schweizer Bergen leider (noch) nicht. Bis dahin ist es wohl besser, gar nichts Neues mehr zu kaufen – die Risiken, in staatsgefährdende Widersprüche verwickelt zu werden, sind einfach zu gross. Und Ihr Velomech freut sich bestimmt, wenn er dem alten Stahlesel eine Generalüberholung verpassen kann. So ehren Sie heimisches Schaffen.
Ergebenst, Ihr Dr. V. Love
Ihre Fragen an: Dr.V.Love@velojournal.ch
Dr. V. Love,
Velosoph
(dr.v.love@velojournal.ch)
VLove,
02.02.2015







