Digital oder analog?

Smartphones und GPS-Geräte würden der Velofahrerin bequem Informationen liefern. Die gelassene Radlerin aber setzt weiterhin auf Papierkarten und ihren klassischen Kilometerzähler.

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Nicole Soland
18.07.2017

Wenn das Velojournal mit dieser Kolumne erscheint, kurven wir friedlich in Südschweden rum. Den Weg zum nächsten Camping finde ich wie immer mithilfe altmodischer Karten aus Papier, und mein Liebster entdeckt jeden Abend das beste Restaurant; selbstverständlich braucht er dazu weder Smartphone noch GPS. Die Digitalisierung schreitet zwar stetig voran und macht auch vor dem Velo nicht Halt, aber Velotouren ohne Computer und mit standardmässig ausgeschaltetem Handy im Gepäck sind für uns immer noch erste Wahl.
Dieser Luxus, abschalten zu können, fällt einem jedoch nicht in den Schoss. Die Mitgliedskarte etwa, die man in Skandinavien auf den Campingplätzen braucht und deshalb vorab beschaffen will, wird auf der Website damit beworben, sie lasse sich aufs Smartphone laden. Wie praktisch! Und was machen diejenigen mit einem Handy, das zwar telefonieren und SMS verschicken kann, aber nicht weiss, was eine App ist? Doch siehe da, man hat Erbarmen mit uns alten Säcken: Wer im Bestellformular das richtige Kästchen anklickt, erhält die Karte als PDF per Mail zugestellt – mit der Bitte, sie auszudrucken, auszuschneiden, zu unterschreiben und mitzunehmen.
Wenn man hingegen eines Abends nach 70 Kilometern Fahrt dort angelangt ist, wo sich gemäss Karte ein Campingplatz befindet, und feststellt, dass es den leider nicht mehr gibt, dann wäre es schon praktisch, via Smartphone rasch einen Blick ins Internet werfen zu können. Denn vielleicht hätte es ausser dem nächsten in der Karte verzeichneten Platz, der 50 Kilometer entfernt ist, einen näher gelegenen, der sich einen Zentimeter neben dem Kartenrand befindet und deshalb unauffindbar ist.
Doch vor lauter Digitalisierung gar nicht mehr auf die Idee zu kommen, dass es auch anders gehen könnte, kann sich ebenfalls rächen. Vor Jahren erwarb ich einen damals topmodernen, digitalen, funkgesteuerten Kilometerzähler; «garantiert wasserdicht», versprach der Verkäufer. Trotzdem werde ich nie wissen, wie viele Kilometer ich auf der Velotour von Zürich nach Kopenhagen zurücklegte: Nach etwa der Hälfte der Tour – es regnete praktisch jeden Tag – soff erst das Display ab, und dann gab der Zähler endgültig den Geist auf. Unterdessen habe ich schon lange einen analogen Zähler an meinem Velo, ein Fundstück aus den frühen 80ern. Er hat einen roten Zeiger für die Geschwindigkeitsanzeige, der beim Anfahren munter hochschnellt. Die Kilometer werden bis 9999,9 gezählt, dann erscheint wieder 0000,0, und das Spiel beginnt von vorn. Der Zähler braucht weder Batterie noch Akku, und Regen perlt einfach an ihm ab.
Wenn ich also doch irgendwann ein Smartphone kaufe und auf Tour mitnehme, dann leiste ich mir gleichzeitig ein Dynamoladegerät – das ist zwar nicht total analog, aber liefert zuverlässig den Strom, damit seinem digitalen Geschwisterchen nicht der Pfuus ausgeht. Digital oder analog? Hauptsache praktisch!


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