Die Zukunft des Elektrovelos

Das E-Bike ist noch jung. Quasi das Kind unter den Verkehrsteilnehmern. Und wie bei jedem Kind braucht es Regeln und Anpassungen, die für das E-Bike aber erst am Entstehen sind. An einer Tagung wurde über Infrastruktur, Nutzung, Sicherheit und die Zukunft diskutiert.

no-image

Tamara Fritzsche, Pete Mijnssen
19.05.2016

In den nächsten Jahren erwartet Urs Walter vom Bundesamt für Strassen (Astra) bei den Velos einen Anteil motorisierter Modelle von 30 Prozent. Das wären dann ungefähr 1 Million Fahrzeuge, heute sind es über 400000. Damit sind E-Bikes die am schnellsten wachsende Verkehrsgruppe überhaupt. Deshalb braucht es für sie neue Regeln. Mit den E-Bikes nehmen nämlich schnellere Fahrzeuge als herkömmliche Velos am Verkehr teil. Die Kulturingenieurin Aline Renard positioniert das E-Bike zwischen dem sogenannten Langsamverkehr und dem motorisierten Individualverkehr. Für die langsamen und schnellen E-Bikes (mit Tretunterstützung 25 resp. 45 km/h schnell) gibt es verschiedene Regeln: Das langsame E-Bike gilt rechtlich als Velo, das Schnelle aber ist ein Fahrzeug zwischen Velo und Moto. Ein «Cyclomoteur» – ein Velomotor, wie Renard es nennt. «Dafür braucht es neue Ideen», postuliert nicht nur sie.

Probleme sieht sie auf Velowegen, aber auch in Begegnungszonen, wo E-Bikes auf Fussgänger, Velos und Autos treffen. Dort ist nicht geklärt, wie sich das E-Bike zu verhalten hat. «Die schnellen E-Bikes sind zu schnell, um sich den Weg mit dem Fussgänger zu teilen», erklärt Re­nard eines der verschiedenen Probleme. Die heutige Regelung, wonach schnelle E-Bikes in solchen Zonen den Motor auszuschalten haben, greift zu kurz. Deshalb entscheiden sich die FahrerInnen oft für die Strasse, obwohl sie dazu verpflichtet wären, den Veloweg zu nutzen. Eine Problemzone, auf die Pascal Regli von Fussverkehr Schweiz besonders sensibel reagiert. Für den Vertreter der Fussgängerlobby sollten Mischflächen – gerade wegen der Zunahme der E-Bikes – nur noch in Ausnahmefällen bewilligt werden. Er fordert generell: Keine Veloförderung zulasten der Fussgänger-Verkehrsflächen.

Schnell und attraktiv
Um dem Verkehrschaos entgegenzuwirken und die Volksgesundheit zu steigern, muss der Zwei­radverkehr generell attraktiver werden, forderten die Referenten an der vom VCS organisierten Tagung unisono. Dazu braucht es aber eine Verlagerung im Verkehr: raus aus dem Auto, umsteigen aufs Velo. Oder «push and pull», wie es Verkehrsingenieur Julian Baker von Kontextplan nennt. Eine solche Verlagerung könnte etwa mittels Veloschnellrouten erreicht werden. «Dafür braucht es aber eine adäquate Infrastruktur. Eine homogene Verkehrsführung und kein Stop and go», postuliert auch Urs Walter vom Astra. Im Velomusterland Niederlande existieren bereits Lösungen, wie sich die BikerInnen von der «Veloautobahn» zügig ins urbane Umfeld einfädeln. Es gibt dafür Strassen, auf denen das Auto «zu Gast» ist und Fussgänger und Velofahrer Vortritt haben.

Damit wird die Fahrt von A nach B ohne Unterbruch effizienter und angenehmer. In der Schweiz sieht Baker dennoch einige Probleme: In ausserstädtischen Gebieten, wo es genügend Platz für eine Veloschnellroute gäbe, ist das Potenzial fürs Velo gering. Nähert man sich der Stadt, wird es eng, aber das Potenzial fürs Velo steigt. Doch fürs E-Bike braucht es viel Platz.
Neben der fehlenden Infrastruktur drängt ein weiteres Problem: die mit der Zunahme der E-Bikes verbundene steigende Zahl der Unfälle und deren Schwere. Meist handelt es sich um Selbstunfälle, was vermutlich damit zu tun hat, dass die Kraft der motorisierten Zweiräder unterschätzt wird. Die meisten Unfälle verursachen E-Bike-Fahrer im Alter von rund 60 Jahren. Anzumerken ist, dass jüngere E-Biker Selbstunfälle häufig nicht melden, da die Verletzungen nur geringfügig sind. Das Alter hat einen wesentlichen Einfluss auf die Unfallschwere. «Im Alter ist man gebrechlicher», ergänzt Gian­antonio Scaramuzza von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU).

Doch nicht nur für E-Bike-FahrerInnen, auch für die anderen Verkehrsteilnehmer braucht es eine Sensibilisierungskampagne. Ein Experiment der BfU hat gezeigt, dass ausnahmslos alle Autofahrer die Geschwindigkeit von E-Bikes unterschätzen. Schon normale Velos werden oft übersehen, doch nun nähern sie sich noch schneller. Scaramuzza macht einige konkrete Verbesserungsvorschläge: Zum einen müssen Selbstunfälle besser untersucht werden, «die fallen ja nicht einfach vom Rad». Auch wenn es noch keinen abschliessenden Befund gibt: es sollen vermehrt E-Bike-Kurse angeboten und die Velohelme für E-Bike-Fahrer verbessert werden.

Dem E-Bike auf die Sprünge helfen
Man könnte sagen, dass das E-Bike noch in den Kinderschuhen steckt. Doch «Babysteps» in diesem rasch wachsenden Umfeld sind zuwenig. Gerade die zahlreichen Unfälle mit E-Bikes verlangen nach einer schnellen und effizienten Einbindung der Gefährte in eine ganzheitliche Verkehrspolitik. Schliesslich soll das E-Bike noch lange seinen Schwung beibehalten.
 

Empfohlene Artikel