Ein paar Franken, an zwei Händen abzuzählen. So viel verdiene sie auf die Stunde, rechnet Katrin Barth vor, und ob es in Zukunft je mehr sein werde, wisse sie nicht. Die 38-jährige Winterthurerin, die einst nach Zürich gezogen war, um Velokurierin zu werden, sagt es ohne Ressentiments und erzählt gar heiter: «Es lohnt sich streng genommen nicht. Aber ich mache mir keine Gedanken dazu.»
Es ist ein warmer, sonniger Tag, und die Türe zu ihrem Atelier steht weit offen. Die Taschendesignerin mietet im Basislager-Areal in Zürich Altstetten einen Container, wie so viele Kreative, die sich die Miete in dieser Stadt – ob zum Wohnen oder zum Arbeiten – nur knapp noch leisten können. Im Basislager finden sie eine einigermassen günstige Zwischennutzung auf Dauer. Etliche Velos sind zwischen den Containern parkiert, die meisten kommen radelnd an diesen Unort zwischen Autobahnzufahrt, Asylunterkunft und Sexboxen.
So auch die ehemalige Velokurierin. Während rund zehn Jahren fuhr sie mit einem Rennrad für den Veloblitz, in der Zeit fing sie auch an, eigene Hüfttaschen zu nähen, mit denen hat die ganze Sache angefangen. «Die Taschen wurden dann immer grösser, und ich hatte auch schon ein paar von ihnen verkauft, als eines Tages der Kurier Flash mit dem Auftrag zu mir kam, einen Rucksack zu schneidern, der besser sei als alle bisherigen.» Sie winkte ab, der Meinung, dass sie das nicht könne. «Aber es wurde einfach ignoriert», lacht die Tochter eines Schlossers mit eigenem Betrieb, den inzwischen einer ihrer Brüder übernommen hat. Ihr anderer Bruder hat ein eigenes Architekturbüro. «Wir sind eine Chlütterlifamilie», sagt Katrin Barth, «jeder macht sein eigenes Ding.»
«Die Taschen wurden dann immer grösser, und ich hatte auch schon ein paar von ihnen verkauft, als eines Tages der Kurier Flash mit dem Auftrag zu mir kam, einen Rucksack zu schneidern, der besser sei als alle bisherigen.»
Dass es in ihrem Fall das Nähen sein würde, ist aber doch etwas speziell: «Ich mochte die Handarbeitsschule überhaupt nicht und fand Nähen nicht so toll. Mit der Lehrerin verstand ich mich auch nicht so gut.» Handkehrum: «Es kommen mir immer wieder Sachen in den Sinn, die ich als Kind nähte, Erstaunliches. In der Unterstufe beispielsweise ein Schuletui mit Reissverschluss – so eines, wie andere es sich kaufen. Und als ich in die Oberstufe kam, hatten alle einen Invicta-Rucksack mit zwei grosse Schnallen dran. Ich hätte auch sehr gerne einen solchen gehabt, aber mein Gotti hatte mir bereits eine Ledermappe geschenkt, meine Mutter sagte also Nein. So nähte ich mir meinen ersten Rucksack selber, aus wasserdichtem Stoff.» Inzwischen sind viele Rucksäcke dazu gekommen. Selber entworfene und für die jeweiligen Kundinnen und Kunden massangefertigte. Auch Grossaufträge sind schon eingegangen, so bestellte etwa die Organisation SOS-Ärzte speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Rucksäcke mit Innentaschen.
Minimale Werbemassnahmen
Seit einem halben Jahr lebt sie nun mehrheitlich von ihren Taschen, die (abgesehen von den Materialien) zu 100% made in Zürich sind, denn von der Idee über das Design bis zur Herstellung und Vermarktung macht Katrin Barth alles selber. Wobei das mit der Vermarktung eine falsche Fährte ist: Die Taschenproduzentin, die auch Kinderrucksäcke und Lätzli näht, hat einzig einen Blog und als Werbung ihre je nach Farbe mehr oder weniger auffallenden Taschen sowie die Leute, die diese tragen. Apropos: Die grösste Herausforderung, einen Rucksack zu entwickeln, der den Bedürfnissen der Velokuriere entspricht, seien die Tragriemen gewesen, erzählt Barth. Die Form des Rucksacks sei einfach, nämlich viereckig, «aber das ganze Tragsystem, das dafür sorgt, dass das bequem ist, wenn du den lieben langen Tag velofahrend Lasten trägst – das ist schwierig.»
Die ehemalige Veloblitz-Fahrerin kennt sich aus. Dass sie heute wegen der Taschen noch immer Kontakt zu Fahrerinnen und Fahrern hat, sei ein besonders schöner Aspekt am Ganzen, «wir waren ja wie eine Familie». Sie habe es gern überschaubar, antwortet die Chefin ihres Ein-Frauen-Produktionsbetriebs denn auch auf die Frage, weshalb sie ihre Taschen nicht in verschiedenen Städten und Läden verkaufen lässt: «Dann müsste ich auswärts produzieren lassen. Und das wär dann – eben – kaum noch überschaubar.» Dafür nimmt sie auch in Kauf, deutlich weniger zu verdienen als in ihrem früheren Beruf als Velokurierin.
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