Die Regeln der Gesellschaft

In «Molière auf dem Fahrrad» geht es um «echte» Schauspielkunst, Freundschaftund menschliche Unzulänglichkeiten. Dabei gibt es auch schöne Aussenaufnahmenmit Velofahrten auf der Île de Ré zu sehen.

Bruno Angeli, Autor (info@bruno-angeli.ch)
Film, 21.05.2014

Die Wahl des Titels «Molière auf dem Fahrrad», der für die Kinos in der deutschsprachigen Schweiz und für Deutschland gewählt wurde, führt etwas in die Irre. Es geht bei «Molière auf dem Fahrrad» nicht um den berühmten französischen Stückeschreiber, der auf dem Velo unterwegs ist, sondern um einen Schauspieler, der eine Figur aus dem Werk «Der Menschenfeind» von Molière verkörpert. So heisst der Film im französischen Original «Alceste à bicyclette».

Der Schauspieler Gauthier Valence (Lambert Wilson) besucht unangekündigt seinen zurückgezogen auf der Île de Ré lebenden Kollegen Serge Tanneur (Fabrice Luchini). Gauthier ist mit seiner Rolle als Fernseharzt Docteur Morange zum TV-Star geworden. Doch jetzt strebt er nach Höherem, Anspruchsvollerem. Er möchte wieder auf einer Theaterbühne stehen. Dazu möchte er Serge ins Boot holen. Doch diesem widerstrebt der Gedanke, wieder auf einer Bühne zu stehen. Er malt jetzt lieber. Gauthier gibt nicht auf und gibt vor, auf der Île de Ré ein Haus kaufen zu wollen.

Schliesslich gibt Serge nach und möchte erfahren, um was für ein Projekt es denn gehen soll. Als Gauthier ihm eröffnet, dass es sich um das Stück «Le Misanthrope» (Der Menschenfeind) handelt, wird Serge hellhörig. Es war für Serge schon immer ein Traum gewesen, einmal Alceste zu spielen. Alceste hat den Anspruch, im Leben ohne Heuchelei auszukommen. Doch diese Rolle hat sich Gauthier für sich vorbehalten. Serge soll den Part des Philinte, des Freunds von Alceste, übernehmen. Schliesslich einigen sie sich darauf, die Rollen abwechselnd zu spielen. Von nun an wird geprobt. Doch als die hübsche Francesca auftaucht, gerät die Welt der beiden Schauspieler aus den Fugen.

Inspirierende Velofahrt

Der Regisseur von «Molière auf dem Fahrrad» ist Philippe Le Guay. Zur Idee ist er auf recht ungewöhnliche Weise gekommen. Er erzählt: «Als ich meinen vorherigen Film ‹Nur für Personal!› vorbereitete, versuchte ich, Fabrice Luchini für die Hauptrolle zu gewinnen.» Fabrice sei nun mal ein zerstreuter Typ. Immer wieder lasse er das Drehbuch in irgendeinem Taxi liegen oder vergesse es in einem Hotelzimmer. Kurzum: Luchini, habe nie den Text zur Hand. «Also begab ich mich höchstpersönlich auf die Île de Ré, um ihm eigenhändig ein weiteres Exemplar zu überreichen. Ich nahm mir ein Fahrrad, befestigte das Drehbuch auf dem Gepäckträger und fuhr ihm entgegen… und – schwupps! – platschte ich in einen Sumpf.»

Glücklicherweise kam gerade Fabrice daher, auch er auf dem Fahrrad. Als sie auf kleinen Nebenstrassen weiterfuhren, sagte Le Guay zu Luchini: «Du bist ja wirklich ein Misanthrop, wie er im Buche steht!» Worauf er sofort – als hätte er nur darauf gewartet – begann, Molière zu rezitieren. «Was ist? Was haben Sie? – Lassen Sie mich in Ruhe, ich bitte Sie…», und in diesem Moment sei schlagartig ein neues Filmprojekt vor seinem geistigen Auge aufgeblitzt.

In «Molière auf dem Fahrrad» gibt es schöne Velo­szenen. Als sich Serge und Gauthier entscheiden, eine kleine Velofahrt zu machen, leiht Serge seinem Kollegen ein Velo. Allerdings hat das Gefährt keine funktionierenden Bremsen. Als Gauthier sich darüber beschwert, erwidert Serge lapidar: «Das spielt doch keine Rolle. Hier hat es keine Hindernisse.» Später, auf der Fahrt über die Deiche, kommt es, wie es kommen muss: Ein Mopedfahrer kommt den Pedalierenden entgegen. Gauthier will ausweichen, kann nicht bremsen, gerät ins Trudeln und stürzt in den Fluss. Dieses Spiel wiederholt sich später in umgekehrter Rollenverteilung. Der gemeinsame Veloausflug, dem sich Francesca anschliesst, ist gleichzeitig eine Hommage an Truffauts Film «Jules und Jim». Dazu singt Yves Montand im Hintergrund das Chanson «La Bicyclette».


Der Film

Molière auf dem Fahrrad

(Originaltitel: Alceste à bicyclette)

Frankreich 2013

Regie und Drehbuch: Philippe Le Guay

SchauspielerInnen: Serge Tanneur (Fabrice Luchini), Gauthier Valence (Lambert Wilson), Francesca (Maya Sansa), Christine (Camille Japy), Meynard (Ged Marlon), Taxifahrer (Stephan Wojtowicz) und weitere

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