Die Messe der kritischen Masse

Klar sind Volksradtouren in erster Linie Sportanlässe. Sind sie aber so beliebt wie das Alpenbrevet, bekommen sie touristische und verkehrspolitische Dimensionen.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
17.09.2013

Samstag, 31. August 2013. In der Morgendämmerung nach sechs Uhr ist der Himmel über dem Haslital noch mit Wolken verhangen, die Temperatur angenehm mild. Vom Start- und Zielort Meiringen aus stehen Rundkurse über drei, vier oder fünf Pässe zur Auswahl. Die Runden heissen Silber, Gold, Platin. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer fah­ren über die Grimsel, in Gletsch zweigen die Silberfüchse ab zur Furka. Goldhamster und Platinjäger fahren weiter über den Nufenenpass, in Airolo steuert Gold links den Gotthardpass an, Platin kurbelt via Biasca über Lukmanier und Oberalp.

Die ganze edelmetallene Gesellschaft trifft sich am letzten Pass wieder, dem Sustenpass, und dieses zyklistische Hochamt heisst Alpenbrevet. Auf der Hauptstrasse von Meiringen stehen um Viertel vor sieben 2500 Velo­gäste, die aus der ganzen Schweiz und 31 verschiedenen Ländern angereist sind.

Der Schuss zum Massenstart fällt, im hinteren Teil der Truppe warten wir ein paar Minuten, bis auch wir uns in Bewegung setzen können. Ich höre das leise Summen der Reifen auf dem Asphalt, das Perlen der Ketten auf dem Ritzel. Duftschwaden von Rasierwasser und Sonnencreme schweben in der Morgenluft, bald mischt sich Schweissgeruch darunter. Alle brauchen die ersten Minuten, um sich an das Fahren im Feld zu gewöhnen, sie konzentrieren sich, kaum jemand spricht.

Am Fuss der Grimsel ist der Peloton noch kompakt, weiter oben in den Steigungen zieht er sich in die Länge, doch alle fahren noch verhalten, scheinen ihre Kräfte schonen zu wollen. Erst jetzt sind die ersten Autos und Motorräder unterwegs, passen beim Überholen der Gruppen wie verrückt auf und begreifen, dass wir die Strasse teilen dürfen, heute aber in veränderten Zahlenverhältnissen.

Kollektiver Sog

Während der Fahrt auf den Nufenenpass und in der Tremola hinauf zum Gotthard geschieht Wundersames. Da scheint sich das radelnde Ich aufzulösen. Es ist nicht mehr ich, der fährt, sondern ES fährt, WIR fahren. Über die Strasse scheint sich ein kollektiver Sog zu legen, ich schwebe mit in einer Wolke Gleichgesinnter und Gleichgepickter, und das Schweben ist wie ein prickelnder Rausch, lässt schwerelos jede Anstrengung vergessen.

Doch unterdessen, kollektiver Sog hin oder her, hat der Körper schwer gearbeitet. Deutlich sichtbar wird das im Meiental am Sustenpass. In den Wiesen an der Strasse sitzen müde Silberkämpen mit vio­letten Köpfen, liegen Velodamen und strecken ihre Platinbeine über das Gras. Doch nach ein paar Minuten zieht der kollektive Sog auch sie wieder bergan.

Das Alpenbrevet ist ein riesiges Fest der Bewegung. Es lockt auch eine kritische Masse von Velofahrerinnen und Velofahrern auf die Strassen. Das ist ein zukunftsträchtiger Impuls für den Tourismus, für die Verkehrspolitik. Amen.

www.alpenbrevet.ch

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