Die grosse Prozession

Es gibt in der Veloszene mythische Namen wie Mont Ventoux oder Alpe d’Huez. Ein anderer ist das legendäre historische Radrennen L’Eroica in der Toscana. Velojournal fuhr mit.

Emil Bischofberger, Autor
Kultur, 19.11.2014

L’Eroica: Der Name allein lässt das Herz des Rad-Aficionados höher schlagen. Und wenn dieser dann in der Toscana angekommen ist, präziser in den nicht enden wollenden Hügeln der Chianti-Region, dann schlägt sein Herz auch richtig laut. Zum 18. Mal bereits reisten die Retro­rad-Fans nach Gaiole, ein Dörfchen mit kaum 3000 Einwohnern. Während L’Eroica sind die Einheimischen plötzlich in der Minderheit, denn die 5600 Startplätze waren auch dieses Jahr ausgebucht. Alle wollten auf ihren historischen Velos (Baujahr 1986 und älter) die Strade Bianche unter die Räder nehmen, diese hellen Kiessträsschen, die in der Region allgegenwärtig sind.

Meditative Tour

Die Routen erstrecken sich über Distanzen zwischen 35 und 205 Kilometern, wobei Letztere in den Süden bis nach Montalcino führt, wo das Gelände etwas lieblicher und offener wird. Die ersten werden noch in stockdunkler Nacht befahren, bereits um 5 Uhr früh wird gestartet an diesem ersten Oktobersonntag. Eineinhalb Stunden lang werden die Fahrer nur vom Lichtfleck des eigenen Scheinwerfers geleitet – das hat fast schon meditative Züge. Die Furcht, in der Dunkelheit über Kiessträsschen zu rollen, ist rasch verflogen.

Der darauf folgende Sonnenaufgang öffnet dann allen das Herz. Zu Füssen der Velofahrenden erstrecken sich die Hügelreihen der Chianti-Region, noch von Nebelschwaden umhüllt. Dazu die geradezu kitschigen Pinienalleen. Erst wer sie mit eigenen Augen gesehen hat, glaubt, dass sie nicht bloss den kreativen Köpfen von Malern und Hollywoodregisseuren entsprungen sind.

Ob so viel landschaftlicher Schönheit tut auch ein Plattfuss nicht weh, der zweite, kaum einen Kilometer später, ringt einem ebenfalls nur ein Lächeln ab. So bleibt es auch bei den Nummern 3, 4 und 5 im Laufe des Tages. Denn zwar sind am Velorahmen (mit Schnur!) wie auch am stilechten Wolltrikot Startnummern angebracht. Aber ein Renngefühl oder ein Konkurrenzdenken kommt hier nie auf. Es geht an diesem Tag einzig ums Geniessen und Zelebrieren des Velofahrens.

«Ein Gläschen Chianti ist Pflicht, das zweite wird auf später verschoben, nach der Ziellinie.»

Dazu passt auch die «Zeitmessung». Aus neun Kontrollposten besteht sie. Jeder Teilnehmer weist seine Karte vor, woraufhin diese mit Stempel und Zeit der Passage versehen wird. Meist lockt an selber Stelle auch ein Verpflegungs­posten. Dem zu entsagen, wäre eine Schande. Klar werden da auch Bananen angeboten. Populärer sind aber die Panini mit Salami, Rohschinken oder Käse, später am Tag stärkt auch der deftige Ribollitta-Eintopf. Wobei bei Letzterem Vorsicht geboten ist. Mehr als eine Portion des Kohlgerichts ist bei sportlicher Aktivität kaum ratsam. Dasselbe gilt für das Getränkeangebot: Ein Gläschen Chianti ist Pflicht, das zweite wird auf später verschoben, nach der Ziellinie. Bis diese in Sicht kommt, sind nämlich noch einige Stunden Pedaliererei nötig. Hoch und tief winden sich die Strässchen, an einer Stelle gibt es bis zu 20 Prozent Steigung. Hier werden die Velos mehrheitlich geschoben. Wen wunderts, mit nur zehn oder zwölf Gängen – oder im Extremfall nur mit einem.

Chianti als Belohnung

Überhaupt: Der carbongewohnte Velofahrer braucht eine längere Angewöhnungsphase, bis er locker auf dem alten Velo sitzt. Die Bremsen wirken nur stark verzögert, nicht beissend scharf wie gewohnt. Die Rahmenschaltung will ganz sachte bedient sein, vorausschauende Schaltmanöver helfen. Und die Schuhe! Aus gelochtem Leder sind sie, stecken in den Pedalkörbchen, mit Lederriemchen festgezurrt. Nichts da mit raschem Reagieren, wenn unplanmässig gestoppt wird. Doch der Velofahrer ist zur Adaption fähig. Irgendwann nach der ersten Streckenhälfte bewältigt er die Abfahrten nur mehr unwesentlich langsamer als auf seinem Standardrennvelo. Ins Schwitzen gerät er nur mehr, wenn ein Kiesabschnitt mal wieder richtig holprig ausfällt. Da bleibt nämlich nur eine Möglichkeit: den Lenker so fest als möglich greifen, in die Pedale treten und weiterfahren, bis die Strasse wieder besser wird.

Irgendwann – es ist mittlerweile später Nachmittag geworden – kommt wieder das Örtchen Gaiole in Sicht. Nach gut ­elfeinhalb Stunden wird auf dem Dorfplatz der neunte Stempel auf die Karte gedrückt. Jeder Fahrer erhält eine Tasche mit einer Flasche Chianti und einem Markstein aus Keramik überreicht. Eines haben alle gemein: Sie lächeln selig.

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