Weisse Streifen ziehen sich über braune Wiesen. So sieht Winter im Oberengadin zum Jahreswechsel aus. Auf den weissen Streifen, insgesamt gut 20 Kilometer, drehen die Langläuferinnen und Langläufer ihre Runden. Auch ich trainiere ein-, zweimal auf dem Kunstschnee, dann wird es langweilig. Was könnte man sonst noch tun, um in Form zu bleiben? Mein Blick fällt auf das Fatbike, das vor dem Skisportgeschäft platziert ist. «Zu vermieten» steht drauf. Ich trete näher an das merkwürdige Monster heran. Das Fatbike ist ein simples Teil, ungefedert, mit nur acht Gängen und sehr dicken Pneus. Es ist schwer, auch im Vergleich zu meinem Mountainbike, das schon alt und gewiss kein High-End-Exemplar ist. Schon oft habe ich mich gefragt, wozu diese Dinger gut sein sollen. Jetzt will ich es ausprobieren.
Eigentlich seien jetzt die Bedingungen nicht ideal, um die Vorzüge des Fatbikes zu geniessen, meint Daniel Höhener von Bernina Sport in Pontresina. Denn für das Fatbike sei Schnee die ideale Unterlage, und zwar nicht irgendein Schnee, sondern am besten einige Zentimeter Pulver auf hartem Untergrund. Es sei denn, man befinde sich am Meer – dann könne man damit am Sandstrand herumfahren. Die Kunstschneeloipe wäre eine passable Fahrbahn für das fette Velo, aber bei den Langläuferinnen und -läufern würde ich mich wohl nicht beliebt machen. Ich beschliesse, das Ding trotzdem zu mieten und mich auf die Suche nach einer geeigneten Unterlage zu machen, um den Fun zu erleben, den die Hersteller versprechen. Wenns sein muss, kann ich auf der Fläche beim Flugplatz herumkurven, die ebenfalls beschneit wurde, damit Autofahrende das Schleudern üben können.
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Ich fahre los in Richtung Val Rosegg. Es wabbelt beim Lenken, und es geht streng. So kämpfe ich mich auf dem Fahrweg unter vielen Spazierenden aufwärts, und tatsächlich: Es wird schon bald lustig. Das Lustige nämlich sind die Kommentare der Leute. Als Frau in meinem Alter ist man es nicht mehr gewohnt, dass jemand ihr hinterherruft, aber heute ist das anders: «Da fehlt ein Motor», meldet sich schon nach 300 Metern ein Fussgänger zu Wort, und kurz darauf fragt einer: «Darf ich Sie was fragen?» Natürlich darf er, höflich steige ich vom Rad. «Wozu braucht man dieses Ding?» Gute Frage. Nach wenigen Kilometern und vielen weiteren Äusserungen, die sich vor allem um die Frage drehen, wo der Motor versteckt sei, kommt endlich Schnee. Auf der Strecke, auf der sonst die Langlaufloipe verläuft, liegt noch etwas Schnee, und sie ist schön ruppig, weil ein Raupenfahrzeug sowie Fussgänger und Hirsche ihre Spuren hinterlassen haben. Da lässt es sich flott drüberbrettern. Weiter oben, beim Gasthaus Rosegg, kann ich ein paar Runden auf der grossen Schneefläche drehen, auf einem Untergrund, auf dem man mit dem Mountainbike nicht mehr vorankommen würde. Immerhin.
Fatbike fahren macht Spass. Vor allem deshalb, weil das Gefährt ein erstklassiges Medium ist, um Kontakte zu knüpfen, ähnlich wie ein Hund. Ich nutze die neuen Bekanntschaften zur Dokumentation des Fatbike-Vergnügens, drücke zuerst einem Deutschen und dann einem Italiener mein Smartphone in die Hand. Bei der Abfahrt kommt ein weiterer Vorzug der dicken Pneus zum Tragen: Die gemütlich Spazierenden lassen sich leicht verscheuchen, so viel Lärm machen die Reifen.
Zurück im Sportgeschäft, stimmt mir der Velospezialist Höhener zu: Das Fatbike sei mehr ein Fun- als ein Sportgerät. Natürlich gibt es Leute, die damit durch die Wildnis touren oder Rennen bestreiten. Das Iditarod zum Beispiel, ein Hundeschlittenrennen in Alaska, gibt es auch als Velorennen, da kommen die Fatbikes zum Einsatz. Er selber habe einst für einen Kollegen, der am Iditarod teilnahm, zwei Felgen aneinandergeschraubt, um genügend dicke Pneus montieren zu können, erklärt Höhener, und seine Augen glänzen.
Fatbikes in der Schweiz
Das Fatbike gilt in der Schweiz vor allem als Wintervehikel. Es könnte mit zunehmender Schneearmut für die Tourismusregionen an Bedeutung gewinnen. Auf Skipisten und auf den meisten Langlaufloipen sind Fatbikes verboten. So kommen sie hauptsächlich auf Winterwanderwegen zum Einsatz, was mittelfristig zu Konflikten führen dürfte, vor allem weil auch Fatbikes mit Elektromotoren ausgestattet werden.
In der Schweiz gibt es eine «Fatbike-Trophy» mit 14 Tourenvorschlägen in Wintersport-Destinationen. Für 15 Franken kann man einen Fatbike-Pass kaufen, an den «Fatbike-Trophy-Checkpoints» Stempel sammeln und an einer Verlosung teilnehmen. Am Snow Bike Festival in Gstaad gibt es ein Fatbike-Rennen in vier Etappen.
www.fatbike-trophy.ch
www.gstaad.ch







