Der Silber-Sauser

Im letzten Rennen der Bikekarriere nochmals Weltmeister werden: So lautete die Losung von Christoph Sauser für seine Abschiedsfahrt am Sellaronda-Hero in Val Gardena. Fast hätte er es geschafft.

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Martin Platter
Sport, 14.07.2015

Noch nie in seiner 23 Jahre langen Mountainbike-Karriere hat sich Christoph Sauser so sehr über einen zweiten Platz gefreut wie an der Marathon-WM am letzten Junisamstag im Ziel des Do­lomiten-Marathons Sellaronda-Hero. «Mit Alban Lakata hat der stärkste Fahrer gewonnen», lobte der Berner Oberländer gut gelaunt die Leistung seines Bezwingers und ehemaligen Teamkollegen. Sauser selber hatte im letzten Rennen seiner Karriere nochmals eine Willensleistung gezeigt, die Anerkennung verdient. In einer Region, in der er 2008 eine der bittersten Niederlagen seiner Karriere erleben musste. Auch damals wurde er Zweiter – hätte seinen «Bezwinger» Roël Paulissen aber am liebsten erwürgt. Schauplatz war die Marathon-WM in Villabassa, ausgetragen auf der Strecke des Dolomiti Superbike. Nach 119 Kilometern und 4000 Höhenmetern waren Sauser und der Belgier, der zwei Jahre später des Dopings überführt wurde, zusammen auf die Zielgerade eingebogen. Im hektischen Schlussspurt touchierten sich die beiden Konkurrenten und stürzten. Sauser war zuerst wieder auf den Beinen und im Ziel. Paulissen legte jedoch Protest gegen seinen früheren Teamkollegen ein – und erhielt den Titel prompt am grünen Tisch zugesprochen. Hätte Sauser gewonnen, wäre er als erster Fahrer in die Bike-Geschichte eingegangen, der im gleichen Jahr die Crosscountry- und die Marathon-Weltmeisterschaft gewonnen hätte.

Ein einziger resoluter Antritt
Sausers überschwängliche Freude über die letzte Silbermedaille seiner Karriere hatte noch andere Gründe. Die Vorbereitungen auf das WM-Rennen verliefen alles andere als optimal. Drei Wochen vor dem Titelkampf stürzte er auf dem Radweg zum Start des BMC Racing Cup in Gränichen und brach sich zwei Rippen. Erst wenige Tage vor dem Einsatz im Südtirol verzogen sich die Schmerzen beim Atmen. Dennoch litt Sauser während der ersten Hälfte des pittoresken 87-km-Parforceritts um die beiden Dolomitengruppen Sella und Sassolungo. Zwischenzeitlich fiel er sogar aus der Verfolgergruppe zurück, die hinter Lakata herjagte.
Geschickt hatte der Österreicher den «Verkehr» des zehn Minuten früher gestarteten Titelrennens der Frauen auf dem engen Singletrail der ersten Abfahrt genutzt, um sich davonzumachen. Über 80 Kilometer fuhr der zähe Lienzer
anschliessend allein voraus. Sauser kämpfte sich aber ins Rennen zurück. In den teilweise sehr steilen Rampen machte er Rang um Rang wieder gut. Doch Lakata war bereits zu weit vorne. Auf den letzten Kilometern duellierte sich Sauser mit Leonardo Páez. Anstatt mehrmals halbherzig anzugreifen wie der Kolumbier, sicherte er sich mit einem einzigen resoluten Antritt die Silbermedaille.
Der 39-Jährige war nicht der einzige Oldie, der mit Edelmetall und schönen Erinnerungen aus dem Südtirol nachhause reiste. Gunn-Rita Dahle-Flesjaa holte sich mit 42 Jahren ihre sechste (!) Bike-Marathon-Goldmedaille. Die Norwegerin hat das Rennen in ähnlicher Manier dominiert wie Lakata. Zählt man auch noch die Crosscountry-Titel dazu, die die Olympiasiegerin von 2004 gewonnen hat, summieren sich die WM-Goldmedaillen auf zehn. «Eine schöne Zahl», fand Dahle-Flesjaa augenzwinkernd. Ans Aufhören denkt sie noch lange nicht. Wieso sollte sie auch? Im Marathon hat sie WM-Vorjahres­siegerin Annika Langvad wieder auf den zweiten Platz verwiesen. Im Crosscountry ist sie die härteste Kontrahentin von Weltcup-Leaderin Jolanda Neff, die ganze 20 Jahre jünger ist.
Insofern muss sich Christoph Sauser mit seiner Erfolgsbilanz nicht verstecken. Bis 2010 gehörte der Sigriswiler auch im Crosscountry zu den Weltbesten. Eine Olympia-Bronzemedaille (2000 in Sydney), ein WM-Titel (2008), 14 Weltcup-Lauf- und zwei -Gesamtsiege (2004, 2005) zieren den Palmarès des dreifachen Marathon-Weltmeisters, plus 5 Gesamtsiege am Cape Epic, die als Tour de France der Mountainbiker gilt. In Sachen Vielseitigkeit stellt der Berner selbst Grössen wie Thomas Frischknecht, Julien Absalon und Nino Schurter in den Schatten. Fast noch mehr beeindruckten jedoch Sausers allürenfreie, kollegiale Art und sein feiner Humor. Das wird dem Bikesport künftig fehlen.

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