Geschickt zieht Magdalena die Bremsen eines staubigen Velos an. Sie wird oft unterbrochen. «Viele Kunden schätzen meine Arbeit. Ein paar Machos wollen aber nur mit dem Maestro verhandeln und stellen meine Fähigkeiten infrage», sagt die 40-Jährige. Solche Männer bringt sie mit «Der Meister bin ich» zum Schweigen. «Er ist nur Assistent.»
Die Rede ist von Juan Chavarria (42), ihrem Mann. Er erscheint selten im «San Juan», wie die Werkstatt in Limas Arbeiterviertel Santa Clara heisst. Sein Geld verdient er durch das Vermieten von Mototaxis, die seine Frau gewartet hat. «Das ist sein Geschäft, die Werkstatt ist ganz meine Sache. Ich wollte nie finanziell abhängig sein», betont Magdalena Asparrín.
Flucht nach Lima
Magdalena stammt aus der Andenstadt Huancayo, wo die Frauen das Sagen haben. Ihre Mutter war ebenfalls Velomechanikerin, und beide lernten Radreparaturen in der Praxis. «Ich beobachtete sie und lernte bald, wofür welches Werkzeug gebraucht wird. Bereits als Zehnjährige flickte ich kaputte Reifen.» Ihr Leben nahm eine dramatische Wende, als ihr Vater starb. Sie musste ihrer Mutter helfen und besuchte deshalb nur die Primarschule. Die Mutter ging bald eine neue Partnerschaft ein und finanzierte die Karriere ihres Mannes als Anwalt. «Das Schlimmste jedoch war die Misshandlung durch meinen Stiefvater», erzählt Asparrín.
Ihre Entschlossenheit verschwindet, als sie über jene Erfahrungen redet. «Ich lief von zu Hause weg. Ich war 14, und Juan war schon mein Freund. Wir gingen zu seiner Familie in Huancavelica, zwei Monate später nach Lima.» Ein Jahr später kam ihr Sohn zur Welt. Magdalena und ihr Mann hatten keinen festen Job. Mit dem Gemüseverkauf lief es so schlecht, dass sie nach Huancayo zurückkehrten. «Das Wiedersehen mit meiner Mutter zeigte leider, dass sich nichts geändert hatte», erzählt Asparrín und kämpft mit den Tränen.
Wieder in Lima, im Elendsviertel Canto Grande, versuchte die junge Familie einen Neuanfang. Das Paar hatte einen ausgeliehenen Schweissbrenner und eine Presse. Ihnen gehörten einige Werkzeuge, eine Luftpumpe und ein Velo, das sie selber montiert hatten. Eines Tages boten ihr vier Männer an, das Velo für 400 US-Dollar zu kaufen. Das Rad bedeutete ihr viel, trotzdem sagte sie zu. Sie brauchten dringend Geld. 
Magdalena Asparrín repariert sowohl Kindervelos als auch Räder von Erwachsenen.
Marktforschung
Das Paar zog nach Santa Clara, beobachtete den Veloverkehr und fragte Passanten, ob sich in der Nähe eine Velowerkstatt befinde. Weil es keine gab, mieteten Magdalena und ihr Mann ein Gelände für 2,5 Soles pro Tag (ca. 85 Rappen) und installierten ein prekäres Zelt. «Nie werde ich vergessen, dass wir am ersten Tag 8 Soles verdienten und uns ein Gericht für zwei leisteten. Am nächsten Tag verdienten wir 10 Soles.»
Zuerst waren Kinder die Hauptkunden. Bald wurden mehrere Velos im Kleinlaster zur Reparatur mitgebracht. «Im Dezember 2001 hatte ich alle Hände voll zu tun. Ein Jahr später war mein Mann dieser Routine müde und fragte täglich, bis wann wir hier bleiben würden», schildert Magdalena weiter. Schliesslich zogen sie in einen überdachten Raum um, wo sie sogar am Wochenende und an Feiertagen arbeiteten. Sie sparten und mieteten dann den heutigen Werkstattraum für 900 Soles. Heute bezahlt Magdalena mit dem Einkommen aus ihrer Werkstatt die Ausbildung ihres Sohnes zum Maschineningenieur. Die Finanzen reichten nun sogar für den Lebensunterhalt der Töchter Aymé (20), Psychologie-Studentin, und Grace (13), Sekundarschülerin.
Es ist Juli, Winter in Lima, Tiefsaison für die Veloreparatur. «Ab Dezember kommen die Kunden massenhaft, und ich habe nicht einmal Zeit fürs Essen», freut sich Magdalena. Dann kaut sie wie ihre Inkavorfahren Kokablätter und bekommt so neue Kraft. Wie viele MigrantInnen in Lima schämt sie sich nicht mehr für ihre ursprüngliche Kultur. Mit über 30 Jahren Erfahrung ist Magdalena eine Meisterin des Improvisierens. Und eine Fahrradliebhaberin, die alles unternimmt, damit ein Velo nicht im Abfall landet. «Wiederverwerten ist gut für die Umwelt und rentabel für mich. So geht mir die Arbeit nicht aus.»
Rosa Amelia Fierro
15.11.2016







