Fürs Foto streift er sich das «Igor»-T-Shirt über. «Interessengemeinschaft offene Rennbahn Oerlikon» steht jetzt über seiner linken Brust. Er steht nicht gerne im Rampenlicht, aber wer etwas über diese Bahn erfahren will, kommt nicht an dem 72-Jährigen vorbei. Also wird sich Alois Iten sagen: Wenn schon repräsentieren, dann richtig. Auskunft gibt er dann ebenfalls richtig, der Stadtzürcher ist ein verschmitzter Erzähler. Und weil der zweite Teil seines Lebens so eng mit der Geschichte und dem Betrieb dieses Betonovals verbunden ist, kommt er auch nicht umhin, von sich selber zu sprechen. Aber der Reihe nach.
«Das sind echte Weltmeister!»
Der Mechaniker und Rahmenbauer führt seit 1968 eine Werkstatt auf dem Gelände in Oerlikon. Stets ein wachsamer und kritischer Beobachter, hielt er nicht den Mund, wenn ihm wieder einmal auffiel, wie stiefmütterlich die Betreiberin Hallenstadion AG mit der offenen Rennbahn umging, die sie von der Stadt gepachtet hatte. Bis ihn 2002 der Direktor des Hallenstadions anrief und sagte: «Herr Iten, jetzt können Sie die Rennbahn haben und zeigen, dass Sie es besser machen.» Iten entgegnete: «Ich will keine Rennbahn haben.» In der darauffolgenden Nacht war aber nicht ans Schlafen zu denken – er wusste: Die Bahn und das ganze Areal waren wegen der vielen städtebaulichen Projekte in ernsthafter Gefahr. Er sagte zu, sammelte Geld und Mitkämpfer – der Rest ist Geschichte.
Auf dem 333 Meter langen Oval dreht an einem heissen Sommernachmittag das neuseeländische Nationalteam im Bahnradsport seine Runden. Aus der Ferne betrachtet sieht es aus, als würden die jungen Menschen in den engen Tricots in den Kurven über eine beinahe senkrechte Wand fliegen. Es sehe gefährlicher aus, als es ist, versichert Iten. Trotzdem: «Das sind Weltmeister! Echte. Nicht nur auf dem Tricot.» Der Chef der ältesten Sportanlage der Schweiz ist stolz.
Er höre ja immer mal wieder die Kritik, ihre Rennen seien nur noch etwas für Alte, sagt Iten, aber das stimme gar nicht, man habe nämlich auch Familien und Velokuriere im Publikum. Zu ihren goldenen Zeiten fuhren auf der offenen Rennbahn Oerlikon die Grössten der Grossen. Ferdy Kübler etwa. Oder Hugo Koblet. Dass heute ein Fabian Cancellara nicht in Oerlikon anzutreffen ist, habe mit seinem Vertrag zu tun, sagt Iten: «Er darf nicht.» Anders der noch junge Stefan Küng. Der 23-jährige Nachwuchsfahrer habe vertraglich geregelt, dass er weiterhin auf Bahnen fahren darf. Was Cancellara und Küng mit Iten verbindet: «Beide waren schon bei mir im Training.» Überzeugt fügt er an: «Ein kompletter Radrennfahrer sollte auch auf der Bahn fahren können.»
Er selber habe als Jugendlicher ja eigentlich Leichtathlet werden wollen. «Aber mein Bruder überredete mich, wie er Velorennfahrer zu werden. Ich war dann kein überragender Fahrer, aber unter die ersten zehn schaffte ich es in meinen guten Zeiten allemal. Wir trainierten viel im Hallenstadion, wo der Direktor, wenn er guter Laune war, auch mal sagte: ‹Wenn ihr geduscht seid und einen sauberen Trainingsanzug trägt, könnt ihr in die Nordkurve sitzen und das Konzert schauen.› So habe ich Bill Haley gehört. Das ist eine gewaltige Erinnerung.»
Montag für Montag im Einsatz
Später begleitete er Delegationen von Radrennfahrern an internationale Wettkämpfe. Und seit 1985 ist er im Verband für den Nachwuchs zuständig: Er unterrichtet die Junioren jeden Montag in Bahntechnik, seit Kurzem mit einer dreiwöchigen Pause in den Sommerferien. «Zuvor stand ich einfach jeden Montag hier.» Einen eigentlichen Vertreter habe er nicht. Es gebe überhaupt nur ganz wenige Bahntrainer, sagt Iten, «Strassentrainer gibts dafür ganz viele.»
Und was passiert mit seinem Bahnwissen, wenn es ihn dereinst nicht mehr gibt? «Das ist dann auch weg», sagt er ziemlich nüchtern. Es sei wie mit der Geschichte dieser und anderer Radrennbahnen: «Ich habe mich ein Leben lang damit befasst. Darüber reden kann ich mit fast niemandem mehr.»
Esther Banz (Text und Foto)
19.07.2016







