Stilfserjoch, Galibier, Tourmalet, Tremola, Alpe d’Huez, Mortirolo. Wer stolz auf seinen Palmarès sein will, hat dort auch die Cime de la Bonette (mit 2802 m ü. M. der höchste Pass der Alpen) und die Sierra Nevada (mit 3482 m ü. M. der höchste Pass Europas) aufgelistet, dazu alle Zweitausender der Schweiz, und dies von beiden Seiten.
Dann fehlt nur noch einer: der Vršic?. Ausgesprochen Vrschitsch, mit Betonung auf dem einzigen Vokal. Die Italiener nennen ihn Moistrocca, die Germanen Werschitz, was dem Original näher kommt. Er ist weder einer der längsten (9,25 km auf der klassischen Nordseite) noch einer der höchsten (1611 m ü. M.), aber einer der schönsten Pässe: Der Blick auf die gewaltigen Felsen der Julischen Alpen und vor allem die Abfahrt dem türkisfarbenen Fluss entlang sind einzigartig. Und sie entschädigen dafür, dass er mit seinen zweistelligen Prozentzahlen auch unangenehme Seiten hat. Die Kurven sind nummeriert, es ist die Zahl 24, die man sich merken muss. Was den Countdown erschwert, sind die Pavés, mit denen die Kurven gepflastert sind. Es sind kleine Kunstwerke, die wir russischen Kriegsgefangenen des ersten Weltkriegs verdanken. 400 von ihnen kamen im März 1916 bei einem Lawinenniedergang ums Leben, weshalb auch eine russische Kapelle zu den Sehenswürdigkeiten gehört.
Der Aufstieg zum Vršic? beginnt in Kranjska Gora, dem bekannten Weltcuport der Skifahrer, und ist der ideale Einstieg für eine Slowenien-Rundfahrt. Der Masochist erreicht diesen Ort über den Wurzenpass, der Geniesser über die italienische Stadt Tarvisio und eine zum Veloweg umgebaute alte Bahnlinie. Beiden wird Speis, Trank und Nachtlager im Hotel Miklic empfohlen – ein idealer Ort, um sich an die slowenische Gastfreundschaft und das einzigartige Preis-Leistungs-Verhältnis in diesem Land zu gewöhnen. Danach heisst es ab auf Entdeckungsreise in einem kaum bekannten Land, das alles bietet, was das Velofahrerherz begehrt: gute Strassen (auch wenn es ungeteerte Hauptstrassen gibt), wenig Verkehr (meistens auch auf den Hauptstrassen), grossartige Ausblicke und unzählige Kapellen. Sie thronen zuoberst auf den Hügeln, und zu ihnen führen die Strässchen auf dem direktesten Weg, ohne Rücksicht auf Steigungsprozente.
Schwierigkeit
Die Strasse zum Pass ist mitunter ordentlich steil. Eine gute Grundkondition und Durchhaltewillen sind nötig, um bis nach oben zu gelangen.
Link
Für weiterführende Informationen zum Pass sei die Website quaeldich.de empfohlen.
Martin Born
18.09.2015







