Der gefallene Held

Im Spielfilm «The Program – um jeden Preis» des Regisseurs Stephen Frears wird die Radsportkarriere von Lance Armstrong nachgezeichnet.

Bruno Angeli, Autor (info@bruno-angeli.ch)
Film, 23.03.2016

«The Program» geht der Karriere von Lance Armstrong nach. Eine zwanzig Jahre umfassende Zeitspanne in einer Spielfilmlänge unterzubringen, ist an sich schon eine schwierige Angelegenheit. Das sollte aber für Regisseur Stephen Frears kein Problem sein. Er kennt sich mit Biopic-Filmen ja bestens aus. Unter anderem drehte der Brite den Spielfim «The Queen» mit Helen Mirren in der Hauptrolle. Der Streifen wurde 2007 für diverse Oscars nominiert.
Ausgangspunkt für den aktuellen Film ist das preisgekrönte Buch «Seven Deadly Sins» des Journalisten David Walsh. Walsh spielt auch im Film eine wichtige Rolle. Er brachte Armstrong zwar nicht zu Fall, war aber einer der wenigen skeptischen Sportjournalisten, die Armstongs Karriere kritisch begleiteten. Trotz dieses starken Handlungsstrangs scheint Frears bei «The Program» aber ein weniger glückliches Händchen gehabt zu haben als auch schon. Das Vorhaben, die längst bekannte und bereits mehrfach wiedergegebene Geschichte von Armstrongs Aufstieg und Fall als Spielfilm zu inszenieren, bringt leider keine neuen Aspekte. Wer den Dokumentarfilm «The  Armstrong Lie» von Alex Gibney gesehen hat (siehe auch Filmbesprechung im Velojournal 1/2015), wurde über die Affäre bereits bestens aufgeklärt. «The Program» reiht Episode an Episode. Dabei kommt man dem Hauptakteur oder, besser gesagt: der zweiten Hauptperson, also dem Sportjournalisten David Walsh (Chris O’Dowd), emotional leider nicht sehr nahe. Eine Ausnahme bildet die Episode, in der Armstrong eröffnet wird, dass er an einer Krebserkrankung leidet.

Möglichst hohe Authentizität
Die Stärken des Films sind der Hauptdarsteller Ben Foster und die nachgestellten Rennaufnahmen. Dafür wurde mit einigen Radprofis zusammengearbeitet. Der zu Armstrongs Zeit noch aktive Profi David Millar wurde für den Film als Berater engagiert. Millar stellte eine Gruppe erfahrener Fahrer zusammen. Dazu kamen noch rund zwanzig Rad­amateure. Das Zeitfenster der Aufnahmen war eng. Gedreht wurde im Oktober, im Monat der Rennpausen, unter anderem am Col du Galibier, in La Grave (für Sestiere) und auf der Alpe d’Huez. Kameramann Danny Cohen berichtete später von den Dreharbeiten: «Ben Foster trainierte unglaublich hart und machte seine Sache richtig gut. Wir platzierten ihn in einer Gruppe von Profifahrern, die ihn unterstützten und ihm Vertrauen gaben, bei diesem hohen Tempo zu fahren. Darüber, dass wir drei Wochen in den Alpen ohne einen einzigen Kratzer überstanden haben, staune ich immer noch.»
Foster brachte keinerlei Rennveloerfahrung mit. «Ich hätte mir im Leben nicht vorstellen können, dass ich nur sechs Wochen nachdem ich zum ersten Mal auf dem Rennrad sass, schon das gelbe Tricot tragen und im Hauptfeld den Anstieg zur Alpe d’Huez fahren würde», gibt der Schauspieler augenzwinkernd zu.
Die nachgedrehten Filmszenen wurden mit Original-Aufnahmen zusammengeschnitten. Ben Foster als Anhänger des Method Actings gleicht Armstrong nicht wirklich im Gesicht, ahmt dessen Fahrstil und Habitus allerdings bis ins Detail so präzise nach, dass man ohne Probleme das Archivmaterial und die neuen Aufnahmen mischen kann. So bietet «The Program» zwar keine neuen Erkenntnisse im Fall Armstrong, aber immerhin gut gemachte Unterhaltung.


Der Film

The Program – um jeden Preis
Grossbritannien/Frankreich 2015
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: John Hodge
Darsteller: Ben Foster (Lance Armstrong), Chris O’Dowd (David Walsh), Guillaume Canet  (Michele Ferrari), Jesse Plemons (Floyd Landis), Denis Ménochet (Johan Bruyneel), Lee Pace (Bill Stapleton), Dustin Hoffman (Bob Hamman)
Schnitt: Valerio Bonelli
Kamera: Danny Cohen
Musik: Alex Heffes
Produktion: Tim Bevan, Eric Fellner, Matthieu Rubin, Tracey Seaward, Kate Solomon
 

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