An das breite Sächsisch hat man sich bereits nach kurzer Zeit gewöhnt. Und schnell ist man fasziniert vom Schicksal jenes Mannes, der während der Siebziger- und Achtzigerjahre als stärkster Velorennfahrer der DDR galt. Der Dokumentarfilm schildert das Sportlerleben von Wolfgang Lötzsch, ohne wertend sein zu wollen, garniert mit wenigen Foto- und Filmaufnahmen aus jener Zeit. Sein Trainer, ein hoher Funktionär und ehemalige Freundinnen bringen uns den Ausnahmeathleten näher.
1952 kam Lötzsch in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, zur Welt. Bereits als Kind fuhr er mit dem Rennvelo von Sieg zu Sieg. Das Sportfördersystem der DDR funktionierte auch hier, und so kam das Einzelkind mit zwölf Jahren zur Kinder- und Jugendsportschule. Eine grosse Rennfahrer-Karriere schien vorgezeichnet. 1972 winkten die Olympischen Spiele – der wohl wichtigste Anlass für einen Athleten aus dem Osten. Der Leistungssportler war sich sicher, einen Startplatz in der Tasche zu haben – er war schliesslich der Beste. Nur hatten die DDR-Sportchefs ein Problem: Ein Spitzensportler, der Eiskunstläufer Günter Zöller, war nach einem Start im Ausland nicht mehr zurückgekommen. Die Funktionäre wollten so etwas nicht noch einmal riskieren und unterzogen deshalb ihre Kadersportler einer Gesinnungsprüfung. Der unbedarfte Lötzsch interessierte sich nicht für Politik, und über einige Dinge, die ihm an der DDR nicht gefielen, hatte er sich schon ausgelassen. Zudem war ein Cousin von Lötzsch 1964 aus dem Arbeiter- und Bauernstaat abgehauen. Lötzsch wurde von da an als potenzieller Republikflüchtling betrachtet. Im Frühjahr 1972 wurde er dann offiziell «ausdelegiert», sprich: aus dem Fördersystem ausgeschlossen.
Gefängnis für den Unbeugsamen
Sein ehemaliger Trainer Werner Marschner riskierte seine Karriere und verbürgte sich für Lötzsch. Vergebens. Die Funktionäre blieben stur. Lötzsch blieb ebenfalls stur. Er fuhr die Rennen von nun an für verschiedene Betriebssportgemeinschaften. Auch das minderwertige Material, das er jetzt, ohne Staatshilfe, benützen musste, hinderte ihn nicht daran, weiterhin zu siegen. Prestigeträchtige Rennen wie die Friedensrundfahrt (die «Tour de France des Ostens») oder Weltmeisterschaften blieben ihm aber verwehrt. Im Dezember 1976 kam es noch schlimmer. Lötzsch musste für zehn Monate in ein Stasi-Gefängnis. Mit unzähligen Kniebeugen und Liegestützen hielt er sich fit, um nach der Freilassung wieder Rennen zu fahren. Doch der Einzelgänger wurde allmählich des Kämpfens müde.
In einem Interview mit Ann-Catherin Karg (filmpreporter.de) nannte Lötzsch die Gründe, warum er 1985 doch noch Mitglied der SED wurde: «Ich wollte nicht arbeiten. Ich wollte nur trainieren, den ganzen Tag. Ich wollte mit der Spitze mitfahren. Da muss man täglich sechs bis acht Stunden trainieren. Das ist eine Sportart, bei der man mit mehr noch viel mehr erreichen kann. Mit noch mehr quälen und noch mehr schinden. Und da ich nicht die Rundfahrten hatte, die die Nationalmannschaften und die Clubsportler machten – eine Reise nach Peking oder nach Frankreich gabs für mich nicht –, musste ich das mit Training ausgleichen. Das ging nicht nach der Arbeit um vier Uhr, der Tag hat nur 24 Stunden. Die hätten mir den Hahn zugedreht, wenn man mir immer arbeitsfrei gegeben hätte, wenn ich unter der Woche zu Wettkämpfen wollte. Irgendwann wird man älter und ruhiger und will nicht mehr nur auf Konfrontation leben.»
Nach dem Mauerfall startete Lötzsch 1990 bis 1992 für den Veloverein Hannoverscher RC und wurde mit diesem Club Deutscher Meister im 100-Kilometer-Strassenvierer. Erst mit 42 Jahren beendete Lötzsch seine Rennfahrer-Karriere. In seinem letzten Rennen 1995 errang der Chemnitzer seinen 550. Sieg. Dem Radsport blieb er auch nach seiner aktiven Zeit treu. Noch 2008 war er für den Rennstall Milram als Mechaniker an internationalen Rennen im Einsatz.
«Sportsfreund Lötzsch»
Deutschland, 2008
Regie: Sascha Hilpert, Sandra Prechtel
Darsteller: Wolfgang Lötzsch und andere
Drehbuch: Sascha Hilpert, Sandra Prechtel
Kamera: Marcus Winterbauer, Susanne Schüle
Schnitt: Katja Dringenberg
Musik: Jan Tilman Schade
Produktion: Gunter Hanfgarn, Andrea Ufer







