Die Flüelastrasse in Zürich Albisrieden ist nicht gerade eine Hipster-Einkaufsmeile, im Gegensatz zu anderen Strassen im boomenden Zürich West. Dafür gibt es rundum auch wenig Velo-Konkurrenz. Nicht nur Ortsfremden fällt das besetzte Koch-Areal gleich gegenüber von Velo Zürich auf. Fast etwas bescheiden sind dort in einem unauffälligen Bürogebäude auf drei Stockwerken über 1000 Velos untergebracht: normale Citybikes, Transportvelos, Mountainbikes, Kindervelos, Anhängersysteme, natürlich E-Bikes in allen Motorenstärken und Farben. Kaum ein in den letzten Jahren und Jahrzehnten Furore machendes Modell, das dort nicht auf einen Käufer wartet. Neben topaktuellen Bullitts mit Elektroantrieb und einer grosser Kinderanhänger-Auswahl sind hier auch Biomega Velos aus Dänemark zu finden – eine hierzulande selten gesehene Design-Ikone.
Hinter dem Unternehmen mit neun Angestellten steht der 36-jährige Thomas Ernst. Begonnen hatte es damit, dass der gelernte Polygraf 2002 als Velofan begann, Restposten von Militärvelos aufzukaufen und über das Internet weiterzuverkaufen. Dieses Geschäft wurde immer umfangreicher, sodass bald mehrere Lager nötig wurden. Ernst lacht: «Jemand sagte mir dann: Wieso machst du eigentlich keinen Laden auf? Ich dachte: Mmh ... ein Laden. Ich weiss von meinen Eltern, die ein Lebensmittelgeschäft betrieben, dass ein Laden abhängig macht. Ich wollte aber nicht abhängig sein von Öffnungszeiten.» Der Logik und seiner Leidenschaft folgend, suchte er dennoch eine Werkstatt und ein Ladenlokal. Dort, wo heute das besetzte Koch-Areal steht, blieb er fünf Jahre, bevor er vor drei Jahren gegenüber in ein mehrstöckigen Bürogebäude umziehen konnte und sein Angebot nun auf vier Etagen ausbreiten kann. Seit 2009 gibt es auch eine Filiale in Winterthur.
Selbst erarbeitetes Imperium
Wie aber kann jemand dieses riesige Angebot aufbauen, ohne einen Financier im Rücken zu haben? Schliesslich ist da kein grosser Player à la Migros oder Andy Rihs im Spiel. Ernst legt freimütig offen, dass dies auch dank einem familiären Darlehen möglich war. Und er fügt an: «Ich habe mir selber nie etwas geleistet. Nie eine Weltreise gemacht. Ich gehe am Wochenende nie saufen, wie es ein Teil meiner Kollegen im Ausgang machten, und ich brauche keine Luxuswohnung. Und ja, ohne die Hilfe meiner Familie, meinen Mitarbeitern und vor allem meiner Buchhalterin wäre das nicht so schnell möglich gewesen.» Der Umsatz stimmt inzwischen und wird zu einem Drittel mit der Werkstatt und zu zwei Dritteln mit dem Verkauf von etwa 600 Fahrzeugen erwirtschaftet, gut die Hälfte davon sind E-Bikes.
Das «Learning on the Job» und der Besuch der Berufsschule halbtags während dreier Jahre brachten es mit sich, dass aus Thomas Ernst letzten Sommer ein «richtiger» Velomechaniker wurde – mit eidgenössisch anerkanntem Abschluss. Seit Herbst bildet er auch einen Lehrling aus. Neben dem Verkauf wird auch für diesen Veloshop der Service immer wichtiger. Gerade E-Bike-Fahrende, die ihr Gefährt das ganze Jahr hindurch benutzen, brauchen das. Auch die milden Winter haben viel dazu beigetragen, dass sich das Velogeschäft immer mehr zu einem Ganzjahresgeschäft entwickelt. Im Gegensatz zu früher, als in den Wintermonaten im Handel Flaute herrschte. Hinzu kommt, dass E-Bikes im Vergleich zu einem alten Militärvelo komplexe Hightech-Geräte sind und bezüglich Wartung und Technik Anforderungen stellen, die näher bei einem Motorrad als bei einem «Velogöppel» liegen. Auch über die Modellpflege und Komponentenwechsel bei Stadtvelos, bei der Mechanik oder zum Beispiel bei den Stossdämpfern muss ein Fahrradmechaniker heutzutage Bescheid wissen. Die Mechaniker bei Velo Zürich mit ihrer grossen Modellpalette ganz besonders. Die Kunden schätzen die grosse Auswahl, die qualitativ hochstehende Palette sowie die unabhängige Beratung dank der Markenvielfalt. Sie sind auch bereit, 5000 Franken für ein E-Bike zu bezahlen. Damit spart sich ein Pendler oft einen Zweitwagen. Militärvelo-Kunden reisen übrigens am weitesten nach Zürich. Auch aus Deutschland, Italien und Spanien.
Kunden-Ersatzvelo steht bereit
Und wie geht Ernst mit Laufkundschaft um, die in der Hauptsaison, wenn alles drunter und drüber geht, spontan reinkommt und ihr Velo flicken lassen will? «Kunden haben wir eigentlich genug. In der Hochsaison sind wir oft so ausgelastet, dass wir für grössere Reparaturen an Velos, welche nicht bei uns gekauft wurden, auf die Mitbewerber verweisen müssen. Aber für Velofahrer mit einem Platten haben wir immer noch Kapazität und auch ein Ersatzvelo bereit. Die Velofahrer sollen mobil bleiben und nicht aufs Auto umsteigen», betont der quirlige Unternehmer, der trotz allem noch Zeit findet, jeweils im Sommer mit einem seiner E-Bikes quer durch Europa zu reisen.
Weitere Informationen unter:
www.velo-zuerich.ch
Pete Mijnssen
19.05.2016







